Premiere des Stadtspiels "Neu-Karlsruhe" Foto: Sebastian Bau
Die Stadt spielend neu entdecken „Neu-Karlsruhe“ heißt ein kunstvoll schräger, neuer Reiseführer von Berliner Künstlern
8. Oktober 2018 TEXT: 0

„Das Buch führt euch nicht zu Orten, sondern zu Situationen“, sagt Autor Karsten Drohsel. Er steht mit einer 5-köpfigen Gruppe in der „Transit-Zone“ am Lidellplatz. Hier startet am Tag der Premiere das Stadtspiel Neu-Karlsruhe, eine Mischung aus Städte-Tour, Gruppendynamik und Performance. Es kann auch überall sonst gespielt werden, zum Beispiel auf Partys. Sechs Kulturzentren im Südwesten, darunter das Karlsruher Tollhaus, haben den Guide vom Berliner Künstlerkollektiv Urbansupergroup entwickeln lassen, der Karsten angehört. „Der Reiseführer führt euch von Aufgabe zu Aufgabe und ihr werdet die Stadt mit anderen Augen sehen“, sagt er.

User-generiertes Wimmelbild

Beim Kennenlernen sollen sich die Teilnehmer erinnern, was sie zum ersten Mal gekauft haben. Das Gespräch kommt auf Eszet-Schnitten, Gummi-Schlangen, Yps-Heftchen und andere Kindheitserinnerungen. „Simon wusste lange nicht, dass es so etwas wie Taschengeld gibt, das konnten wir verheimlichen“, lacht Volker, der seinen Sohn mitgebracht hat. Fünf Fantasie-Stadtviertel stehen zur Wahl, das „Silikontal“ orientiert sich dabei am echten Karlsruhe. Die Gruppe läuft in die Fußgängerzone, um ein „User-generiertes Wimmelbild“ zu kreieren – auch bekannt als „Ich sehe was, was du nicht siehst“.

Dinge neu wahrnehmen

„P? Was beginnt hier mit P? Pretzel?“, überlegt Tyron mit Blick auf eine Bäckerei. Korrekt ist Pater Anselm Grün, der milde von einem Plakat lächelt. „Das Seh-Spiel hat Verbindungen zur Fächerstadt. Hier weiß niemand so recht, was in der Pyramide steckt“, sagt Karsten. „Und dann dieser spektakuläre Juwelen-Raub aus dem Landesmuseum, den lange Zeit niemand bemerkt hat!“ Dinge wahrnehmen, auf die man im Alltag nicht achtet, darum geht es auch beim nächsten Task.

Stadtspiel Karlsruhe mit vielen Bezügen

Auf einem Grünstreifen soll die Gruppe nutzlose Dinge sammeln. Aber was ist nutzlos? „Das runtergefallene Blatt nicht, das wird noch zu Humus“, sagt Volker. Die Gruppe fischt Kronkorken, Luftballon-Fetzen und eine Stiftkappe aus dem Gras des Najadenwäldchens. Inspiration für diese Aufgabe war ein Reparaturladen in der Oststadt: Überlegen, was wir wirklich nicht mehr brauchen und was vielleicht noch einen anderen Zweck erfüllen kann – ein wichtiger Aspekt beim Thema Nachhaltigkeit.

Verwirrende Situationen

„Unsere Auftraggeber wollten ein etwas anderes Erlebnis, gerne mit Kapitalismus-Kritik. Das Spiel ist ein künstlerisches Projekt und an manchen Stellen bewusst schräg“, sagt Mit-Entwickler Karsten. Im „Gitter des Silikontals“ von „Neu-Karlsruhe“ trifft man deshalb auch eine Grinsekatze. Sie berichtet von einer „elaborierten Auto-AI“, die sich „mit extra-heimlicher Schummelsoftware beim Ubern langweilt“. Dann soll die Gruppe in einem Geschäft Produkte für 6,63 Euro finden und „Korruption, Korruption“ rufen. Das neue Stadtbuch möchte Orte, Menschen und Ideen zusammenbringen und verwirrende Situationen kreieren. Das klappt! Und es ist ziemlich lustig.

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