Alexander Schimmelbusch las im ZKM aus seinem Roman "Hochdeutschland" Foto: Nina Setzler
Die Abschaffung des Neoliberalismus Alexander Schimmelbusch las im ZKM aus seinem Roman „Hochdeutschland“
8. Juni 2018 TEXT: 0

Ein Investmentbanker, der die Auswüchse des Spätkapitalismus verachtet und ein Manifest für eine linkspopulistische Partei verfasst. Davon erzählt der Berliner Autor Alexander Schimmelbusch in seinem aktuellen Roman Hochdeutschland. Im ZKM amüsierte er gut 40 Zuhörer mit seiner Fabulier-Kunst und dem skurrilen Protagonisten Victor, der im „relativ entspannten Rhythmus einer kaum noch hinterfragbaren Weisungstätigkeit“ durchs Leben gleitet und „für die Interaktion mit jedem Gegenüber eine maßgeschneiderte Persona“ entwickelt.

Geschmackloses Konsumverhalten

Obwohl er selbst ein Produkt daraus ist, möchte Victor das System des Spätkapitalismus abschaffen – er ist 39 und sucht nach Sinn. Seiner Meinung nach haben sich Oberschicht und Konsumverhalten von sehr diskret zu sehr geschmacklos gewandelt. Victor fragt sich, warum angesichts der sozialen Ungleichheit noch niemand fundamentale Maßnahmen zur Neuordnung der Eigentumsverhältnisse ergriffen hat. „Wo waren die roten Fahnen, wo waren die Mistgabeln? Warum ölte niemand eine Guillotine?“

Menschen spüren soziale Kälte

Die Gründe für das aktuell rabiate Wahlverhalten sieht der Autor in dem „ekelhaften Missstand“, der heute herrsche. „Das fängt an mit hart arbeitenden Menschen, die eintausend Euro netto verdienen. Diese Menschen bekommen keine Anerkennung und spüren eine soziale Kälte.“ Dass die Linkspartei seit der Wirtschaftskrise 2008 daraus keinen Profit schlagen kann, sei nicht logisch, denn er habe das Gefühl, dass eine intellektuelle linke Mehrheit besteht. „Ich wollte über ein Parteiprogramm schreiben, das meiner Meinung nach Erfolg versprechend ist. Die AfD argumentiert simpel und ihr Personal ist nicht attraktiv. Trotzdem reicht es schon für zwölf Prozent.“

Sogar Merkel hat es gelesen

Sein Buch sei ein Diskussionsvorschlag an die Politik, erklärt Alexander Schimmelbusch. Er würde sich freuen, falls es eine Debatte auslöse – und wenn auch nur im intellektuellen Berlin. Die Chancen dafür stehen gut, immerhin hat sogar Angela Merkel das Werk gelesen: Die Mutter einer Mitschülerin der 8-jährigen Tochter des Autors ist mit der Büroleitung der Kanzlerin bekannt. „Ich habe aber noch kein Feedback, was sie darüber denkt“, lächelt Alexander Schimmelbusch.

Perlend leichte Schilderungen

Stilistisch ist „Hochdeutschland“ ein Hochgenuss, komplexe Zusammenhänge von Wirtschaft und Politik werden darin perlend leicht beschrieben. Aber auch Victors extravaganter Lifestyle nebst gläserner Vorort-Villa, deren Licht er per Fernbedienung vom Frankfurter Hochhausbüro an und ausknipst, weil das aus der Ferne „wie eine modernistische Lampe wirkt“. Oder detaillierte Kulinarik-Schilderungen wie das hingebungsvolle Anrichten einer kalten Platte. Hier spiele auch die eigenen Passion eine Rolle, verrät Alexander Schimmelbusch. „Ich denke eigentlich die ganze Zeit ans Essen. Jetzt bin ich 42, da verlagern sich die sinnlichen Genüsse.“

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