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Stadt will fair und ökologisch einkaufen Großbestellung von Arbeitskleidung ist ambitioniert, hat aber Schönheitsfehler

Wer nachhaltig produzierte Kleidung kaufen möchte, hat es nicht leicht. Problematisch sind vor allem die Lieferketten, die für uns Endverbraucher kaum nachvollziehbar sind. Die Europäische Union bietet öffentlichen Auftraggebern die Möglichkeit, beim Ausstatten ihres Personals besonders auf fair gehandelte, sozial hergestellte und nachhaltig produzierte Waren zu achten. Lieferaufträge, die den Wert von 214.000 Euro überschreiten, müssen europaweit ausgeschrieben werden. So will es die Europäische Union.

Frauenrechte in globaler Bekleidungsindustrie

Die Stadtverwaltung Karlsruhe hat das faire Einkaufen nun so halb erfolgreich geschafft: Der Hauptausschuss des Gemeinderats gab grünes Licht für mehrere Rahmenverträge zum Kauf von nachhaltiger Arbeitskleidung und Schutzausrüstung. Hierfür wurde, vermittelt durch das Amt für Umwelt- und Arbeitsschutz, eine Kooperationsvereinbarung mit der Organisation FEMNET geschlossen, die sich für die Rechte von Frauen in der globalen Bekleidungsindustrie einsetzt.

Die Stadt darf Rahmenverträge zum Kauf von nachhaltiger Arbeitskleidung und Schutzausrüstung schließen

Verschiedene Dienststellen und die Feuerwehr der Fächerstadt sollten mit Fußschutz, Rumpfschutz, Warnschutz, Augen-, Ohr-, Kopf-, Hand- und Atemschutz, Schnittschutz, Forstbekleidung und Jacken unterschiedlichster Art ausgestattet werden. Die Ausschreibung hatte ein Volumen von knapp 1,1 Millionen Euro und für Unternehmen in ganz Europa öffentlich zugänglich. Alle Angebote wurden nach denselben Kriterien wie etwa Umweltverträglichkeit, Preis und fairer Handel bewertet. 

Keine Kinderarbeit und Mindestlöhne

Unternehmen, die mit der Stadt Karlsruhe ins Geschäft kommen wollten, mussten nachweisen, dass bei der Produktion die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen eingehalten wurden. Eine der Regeln: Schlimmste Formen der Kinderarbeit sind verboten oder unverzüglich zu beseitigen. Zudem mussten Firmen über die gesamte Lieferkette hinweg Mindestlöhne und gute Arbeitsbedingungen nachweisen. Für bestimmte Produkte waren Öko-Standards bei Energie- und Wasserverbrauch oder CO2-Ausstoß gefordert.

Bei fair produzierter Arbeitskleidung geht es auch um die Rechte von Frauen in der Textilindustrie

Ein guter und ehrbarer Ansatz – mit drei Schönheitsfehlern allerdings. Nummer eins: Verwaltungen und Behörden haben genau wie wir Endverbraucher kaum die Möglichkeit zu prüfen, ob die Produkte so fair, ökologisch und sozial hergestellt sind, wie es der Lieferant angibt. Am Ende weiß er das nämlich selbst nicht genau!

Eine Flut von Öko-Siegeln und Nachhaltigkeitslabels hat den Markt in den vergangenen Jahren unüberschaubar gemacht. Zudem müssen Unternehmen die Nachweise in der Regel nur auf dem Papier erbringen. Eine Prüfung im Nachgang findet kaum statt.

Anforderungen nicht erfüllt

Schönheitsfehler Nummer zwei: Etliche Produkte konnten gar nicht von neuen Anbietern eingekauft werden, weil sämtliche Angebote dazu die Anforderungen der Stadt nicht erfüllten. Die Verwaltung ließ unklar, welche Anforderungen damit genau gemeint sind. Da aber wohl kaum ein Anbieter keinen Preis genannt haben wird – was auch ein K.O.-Grund wäre – kann es sich nur um Aspekte der Nachhaltigkeit handeln. 

Seit einigen Jahren – weil die Konjunktur bis vor Corona super lief – kam es gar nicht selten vor, dass Ausschreibungen mangels geeigneter Lieferanten aufgehoben wurden. Die Anforderungen der Kommunen sind oft so hoch, dass für viele Unternehmen der Markt im privaten Sektor attraktiver ist!

Feuerwehrkleidung konnte nicht aus nachhaltiger Produktion bestellt werden – nackt herumlaufen muss aber niemand

In der aktuellen Ausschreibung der Stadtverwaltung betraf das vor allem Feuerwehrkleidung wie Poloshirts, Fleece- und Softshell-Jacken. „Die Angebote für die Lose 5.1 bis 5.7 mussten im Rahmen der fachlichen Prüfung ausgeschlossen werden, da die bemusterten Textilprodukte nicht der geforderten Ausstattung und Qualität entsprachen. Für das Los 5.4 ging kein Angebot ein“, lautet ein Satz in der Beschlussvorlage.

Nackt herumlaufen müssen die Karlsruher Feuerwehrleute bei Bränden, Hochwasser oder Unfällen aber nicht. Ein bestehender Rahmenvertrag kann noch weiter genutzt werden – den geforderten Nachhaltigkeitskriterien entsprechen diese Kleidungsstücke dann allerdings auch nicht. Das wäre Schönheitsfehler drei …

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