Screenshot: Hidden Forest/Mark Pilkington, Fotos: Chris Cheung, Mark Pilkington, Sandra Schmid/Annie Rüfenacht, Amanda Lucier
Kunst zwischen Technologie und Ökologie Das ZKM verleiht am Wochenende einen bedeutenden Preis der elektronischen Musik

Die GewinnerInnen des Giga-Hertz-Preises 2020 werden aufgrund der Corona-Pandemie im Rahmen eines zweitätigen Livestreams geehrt. ZKM und SWR Experimentalstudio vergeben diese Auszeichnung für elektronische Musik seit 13 Jahren.

Einer der Produktionspreise geht an Chris Cheung Hon Him, einen Künstler aus Hong Kong. Er nennt sich h0nh1m und ist international für seine audiovisuellen Performances bekannt, in denen er oft mit seinem Glauben an die chinesische Philosophie spielt. Chris bekommt den Preis für sein fortlaufendes Forschungsprojekt „RadianceScape 2016“, das die radioaktiven Strahlungsdaten verschiedener Großstädte live visualisiert und sie in Relation zu den Strahlungsdaten von Tschernobyl und Fukushima setzt.

Chris Cheung alias h0nh1m visualisiert in seinen Performances die radioaktiven Strahlung in Großstädten

„Für mich kam die Auszeichnung für diese Arbeit absolut unerwartet“, sagt Chris Cheung. „Aber ich fühle mich zutiefst geehrt, diesen bedeutenden Preis in der Welt der elektronischen und Klangkunst zu bekommen.“ Sein „RadianceScape“-Projekt habe er 2014 im Rahmen eines Arbeitsaufenthaltes in Japan begonnen. Die Auszeichnung des ZKM ermutige ihn, das Projekt weiterzuverfolgen und auch in anderen Städten damit auftreten.

Aus rund 130 internationalen Einreichungen hat die Jury noch ein weiteres Werk für den mit 5.000 Euro dotierten Produktionspreis ausgewählt: Die Komposition „Hidden Forest“ des Briten Mark Pilkington. Der Komponist und Interpret elektroakustischer Musik ist in Karlsruhe kein Unbekannter – im ZKM wurden seine Werke bereits aufgeführt.

Der britische Musiker Mark Pilkington freut sich über die Auszeichnung mit dem Giga-Hertz-Preis

Wald als Metapher

Sein algorithmisches Stück kombiniert verschiedene Medienelemente und untersucht das Zusammenspiel von Technologie und Ökologie. Der Wald dient als Metapher für einen Lebensraum aus Licht und Ton, die sich miteinander verflechten. Das Stück nutzt Fotografie, Film, handgezeichnete Skizzen, Mapping und eine elektronische Musikpartitur. Es soll unser Bewusstsein dafür zu schärfen, wie natürliche und künstliche Ökosysteme interagieren können, um sozialen Wandel herbeizuführen, erklärt Mark.

Er habe die Entwicklung des Preises und der damit verbundenen Kunst seit seiner Premiere 2007 verfolgt und es sei ein großartiges Gefühl, die Auszeichnung nun selbst zu bekommen. „Als ich die E-Mail mit der Nachricht bekam, traute ich meinen Augen kaum. Das ZKM nimmt eine international herausragende Rolle in der Förderung der computerbasierten Musik ein.“

Der Klang von Steinen

Mit einer lobenden Erwähnung werden die Schweizer Künstlerinnen Annie Rüfenacht und Sandra Schmid für eine Gemeinschaftsarbeit bedacht. Die beiden Künstlerinnen kooperieren seit 2016, damals arbeitete Sandra an ihrer audiovisuellen Bachelorarbeit. Sie bat Annie, aus der Natur aufgenommene Geräusche und Klänge von Steinen zu verändern und zu modulieren, und daraus eine musikalische Komposition zu machen.

Die schweizer Künstlerinnen Annie Rüfenacht und Sandra Schmid arbeiten seit vier Jahren zusammen

Die Schweizerinnen sind große Fans des Karlsruher Hauses, das sie jetzt auszeichnet: „Wir lieben das ZKM als Kulturinstitution mit seinen Ausstellungen rund um Medienkunst und Sound Arts –es ist ein inspirierender Ort für uns.“ Eigentlich hatten sie sich für den Produktionspreis beworben, aber die Honorary Mention gebe ihnen neue Motivation, ihre gemeinsame Arbeit weiter voranzutreiben. „Wir stehen gerade im Anfangsprozess einer neuen audiovisuellen Arbeit, die sich im weitesten Sinn mit Tektonik beschäftigt“, verraten Annie und Sandra.

Künstler angemessen entlohnen

An den beiden Abendenden der Online-Preisverleihung werden auch zwei andere Künstler vorgestellt: Siamak Anvari, der aus dem Iran kommt und in den Niederlanden lebt und der 89-jährige US-Amerikaner Alvin Lucier, der mit dem Giga-Hertz-Hauptpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird.

Für sein Lebenswerk wird der US-Amerikaner Alvin Lucier geehrt. Er ist eine Schlüsselfigur der elektronischen Musik

„Ich bin sehr dankbar, dass ich in meinem hohen Alter von einer Einrichtung wie dem ZKM, das für seinen freien und unabhängigen Geist bekannt ist, mit einem solchen Preis bedacht worden bin“, so der 89-Jährige über die mit 10.000 Euro dotiert Auszeichnung. „Den Geldbetrag werde ich in zukünftige Projekte und Arbeiten investieren. So habe ich nun die Möglichkeit, die Künstler, die an meinen aktuellen Projekten beteiligt sind, angemessen zu entlohnen.“

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