Fotos: Alex Hauk
Die Lockdown-Premiere Karlsruher Tanzkompanie rettet ihr neues Stück vor dem Vergessen
3. November 2020 TEXT: 0

Am Sonntagmorgen musste es ganz schnell gehen: „Wir haben alle möglichen Leute mobilisiert, die etwas mit Licht und Film zu tun hatten und uns ein paar Stunden im NCO-Club eingerichtet“, sagt Dominik Höß von der Jazzaret Dance Company. Das 13-köpfige Ensemble wollte ein Video seiner aktuellen Choreografie aufzeichnen, bevor es wenige Stunden später verboten war, als Gruppe auf einer Bühne zu stehen.

Uraufführung auf YouTube

Heute Abend hätte ihr Stück Nerea – Instandhaltungsmaßnahmen am 3. November auf dem Festival Tanz Karlsruhe vor Publikum uraufgeführt werden sollen. Doch der zweite bundesweite Lockdown kam dazwischen. Deshalb wird es nun stattdessen eine Online-Premiere der zwei Tage alten Aufzeichnung geben, nach der ersten Präsentation um 20.15 Uhr wird der von Tempel-Mitarbeiter Alex Hauk gedrehte Clip bis 22 Uhr auf YouTube zu sehen sein.

„Uns war es wichtig, dass wir einen Oneshot drehen, also alle Szenen in einem Durchgang ohne nachträgliches Schneiden. Es sollte sich anfühlen wie eine richtige Premiere“, erklärt Dominik, der das zeitgenössische Bühnenstück mit Kompanie-Leiterin Sarah Kiesecker erarbeitet hat.

Statt live auf der Bühne ist die neue Choreografie heute Abend als Video-Premiere zu sehen.

Etwa 23 Minuten dauert die Choreografie, sie dreht sich um Dinge, die hart erarbeitet werden müssen und die irgendwann ihren Reiz verlieren, wie Dominik erklärt: „Wir Tänzer sind es ja gewohnt, viel zu tun, damit Sachen bleiben, wie sie sind. Gar nicht mal, damit sie besser werden, sondern gleich. Was sich heute superschön anfühlt, kann wenig später verblassen. Und man muss sich fragen: Investiere ich da noch mal neu hinein oder lasse ich es los?“

Choreografien verändern sich

So sei das auch bei Choreografien, findet der 26-jährige Student, der seit vier Jahren tanzt. Die Nerea-Abfolge sieht aktuell so aus, wie sie für die Premiere einstudiert wurde. Je länger sie aber zurückliegt, desto Abstrakter wird sie. Aufzeichnung und öffentliche Aufführung sollen das Stück deshalb vor dem Vergessen retten. „Wenn das Tanzfestival im nächsten Frühjahr nachgeholt wird und wir dafür wieder etwas vorbereiten, wäre es auf jeden Fall etwas anderes. Stücke verlieren ihre Spannung und verändern sich“, sagt Choreograf Dominik.

Lockdown. Er trifft auch die 13 Tänzerinnen und Tänzer hart, denn sie können nicht mehr zusammen trainieren.

Bei der Aufzeichnung für die Web-Premiere wurde Nerea zweimal durchgetanzt, danach stand die schwierige Entscheidung an, welcher Take gezeigt wird. „Von außen sieht man den Unterschied wohl gar nicht so sehr. Aber die Entscheidung fiel dann klar auf den ersten Durchgang, weil der sich für die meisten noch echter anfühlte. Bei einer richtigen Premiere gibt es ja auch nur eine Chance“, sagt der Choreograf.

Jeder trainiert allein zuhause

Für die Jazzaret Dance Company hat mit dem zweiten Lockdown eine harte Zeit der tänzerischen Abstinenz begonnen. Vier bis fünf Trainingseinheiten pro Woche stehen normalerweise auf dem Programm – für die einen ist das ein anstrengender Feierabend, für die anderen ein Teil ihres (beruflichen) Lebens. „Seit dem 2. November machen wir zuhause Stretching und Krafttraining, wir tanzen ein paar Basics und es gibt Unterricht via Zoom“, verrät Dominik. „Aber das ist kein Ersatz. Wir freuen uns schon jetzt darauf, wenn wir wieder live zusammen trainieren können.“

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