Fotos: Nina Setzler
Die Faszination des Banalen Maurice van Tellingen zeigt unscheinbare Orte, die wir tagein, tagaus übersehen.

Unsere Umgebung spiegelt, wer wir sind, findet Maurice van Tellingen. Womit umgeben wir uns? Wie prägt es uns? Wie kann es sein, dass wir unsere gebaute Umgebung im Alltag so wenig wahrnehmen?

Guckkästen auf nüchterne Szenen

Vier Wochen lang zeigt der niederländische Künstler seine detailreich gearbeiteten Werke im Architekturschaufenster. Seine Wandobjekte fordern die alltägliche Wahrnehmung heraus. Wie Guckkästen blicken wir auf nüchterne architektonische Szenerien. Ein Garagentor, ein Gehweg, zweckmäßigste Interieurs – ganz so, wie sie uns an jeder Ecke begegnen könnten. Und wie wir sie tagein, tagaus dutzendfach übersehen.

Maurice von Tellingen formt Miniaturen von Türen, Fenstern oder Wohnwagen

Die Schau lässt uns scheinbar banale Momente plötzlich anders sehen. Wir zoomen heran, blicken auf kleine Ausschnitte einer Fassade oder eines Raums. Zudem „stimmt“ die Perspektive nicht immer, und die Ansichten scheinen bisweilen verzerrt. Jede Arbeit hat nämlich ihre „richtige“ Blickrichtung. Allerdings – was macht eine korrekte Perspektive aus und warum sind alle anderen dann falsch?

Geheimnisvolle Anspannung spürbar

Van Tellingens Modelle sind menschenleer, aber die Menschen scheinen doch allgegenwärtig. Stimmen dringen aus einer halb geöffneten Tür, eine gefüllte Waschmaschine rotiert vor sich hin. Die Objekte wirken auf den ersten Blick nüchtern und sachlich, doch oft versprühen sie eine geheimnisvolle Anspannung. Welche Geschichte lauert hinter dem gekippten Fenster, wer hat die Spuren auf dem Gehsteig hinterlassen, was ist in den kahlen Innenräumen passiert?

Wir haben Maurice van Tellingen, der seine Ausstellung in Karlsruhe coronabedingt nicht vor Ort eröffnen konnte, aus der Ferne dazu interviewt:

Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich?
Ich hinterfrage die menschliche Identität und versuche, Antworten in unseren Konstrukten zu finden. Ohne das „Exoskelett“, das wir uns aus Kleidung, Artefakten und Architektur geschaffen haben, können wir nicht existieren. Nackt, ohne Werkzeug und Obdach, aber auch ohne unsere sozialen Konstrukte, Geschichten, Überzeugungen und Konventionen wären wir verloren.
Daraus ergeben sich viele Fragen. Was ist die Sprache der Objekte? Warum bestehen zumindest meine Erinnerungen eher aus Dingen denn aus Menschen, Ereignissen und Bewegung?

Welche Rolle spielt dabei die Architektur?
In meiner Arbeit zeige ich entweder „Nicht-Raum“ oder die Grenze der Architektur in einem unbestimmten „Zwischenmoment“. Es gibt Wände mit Türen und Fenstern, Straßen und verlassene Architektur. Nicht die Architektur an sich ist mein Interesse, sondern die Außenhaut der Architektur, die Fassade, die Wand, die uns von dem trennt, wo wir nicht sind. Ich konzentriere mich auf die menschliche Verfassung, indem ich unsere Grenzen untersuche. Wo hören wir auf zu existieren?

Alltäglichkeiten aus MDF und Kunstharz: Den Künstler interessiert die Außenhaut der Architektur

Wo finden Sie Ihre Ideen – spontan oder konzeptionell?
Wo ich früher einmal hart arbeiten musste, kommen Ideen heutzutage leicht und spontan. Sie müssen wissen, was Sie wollen, und die richtigen Fragen stellen. Ich überdenke auch vieles, mache die gleiche Arbeit noch einmal. Alles wächst und reift, daher ist es sinnvoll, die Werke, die Sie in der Vergangenheit gemacht haben, auch reifen zu lassen. Lieber besser als mehr!

Wie wählen Sie die Materialien aus?
Jedes Material ist in Ordnung, solange es die künstlerische Idee wiedergibt. MDF, ein Verbundwerkstoff, der sehr einfach zu formen ist und mit Farbe überzogen werden kann, eignet sich eigentlich immer. Gelegentlich kommen auch Glas oder Kunststoff dazu. Davon abgesehen kümmert mich das Material wenig. Am Ende ist alles Komposition, Beziehung, Verbindung und Trennung.

Gibt es Vorbilder und besondere Einflüsse, die Ihre Arbeit inspirieren?
Die Realität ist meine Hauptinspiration. Ich bin völlig fasziniert von ihr! Aber was Sie sehen, ist nicht das, was es ist oder was wir für Realität halten. Ich wurde auch sehr vom Existenzialismus und seinen Nachkommen, dem Theater des Absurden geprägt.

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