Foto: Karlsruhepuls
Querdenker-Versammlung in Karlsruhe 1.000 Menschen protestieren gegen die Corona-Politik von Bund und Ländern
15. November 2020 TEXT: 6

Es sei „verstörend, wenn Familien und Ehepartner auseinanderstehen müssen“, erklärt Markus Haintz in seiner Rede auf der Querdenken 721-Demo am Samstagnachmittag auf dem Karlsruher Messplatz. Dort sind Markierungen auf den Boden gezeichnet, die beim Einhalten des Mindestabstands helfen sollen. Das Ordnungsamt hatte zuvor Mund-Nasen-Bedeckung angeordnet, sofern man keine 1,50 Meter auseinander bleiben könne.

Bunt gemischte Bewegung

Das Gesicht bedecken die wenigsten der 1.000 Versammlungsteilnehmer, eine Frau trägt die luftige Persiflage einer Atemschutz-Maske im SM-Look – mit Lack-Riemen um Mund und Nase. Ein Mann hält das Motto „Gesicht zeigen“ in die Höhe, während eine andere Demonstrantin die Zeitung „Demokratischer Widerstand“ verteilt und weiße Engelsflügel mit der Aufschrift „umarmbar“ trägt. Viele junge Familien sind unter den Demonstrierenden, Babys auf Krabbeltüchern, Kinder, Hunde, auch zahlreiche Seniorinnen und Senioren.

Es brauche mehr zivilen Ungehorsam und es sei an der Zeit, „dass man diesem Staat sagt: Wir lassen uns nicht mehr alles gefallen“, erklärt Rechtsanwalt Haintz aus Ulm. Man müsse „dieses Corona-Regime“ sofort beenden und das „System auf den Pfad der Tugend zurückbringen.“

Jubel- und Buh-Rufe

Aus der Menge vor ihm erntet er dafür Jubel, von der anderen Seite des Platzes schallen Buh-Rufe herüber. Dort hat sich die Initiative Mitdenken statt Querdenken zur Gegendemonstration versammelt. „Wir überlassen Karlsruhe nicht den Coronaleugnern“, kommentiert Olivia Crawford, eine der Organisatorinnen. Sie und die anderen lassen Sirenen aufheulen, spielen laut Musik und skandieren „Alerta, Alerta, Antifascista“.

Gegen die Corona-Schutzmaßnahmen richtet sich die Demonstration der Initiative „Querdenken“.

Das veranlasst Redner Haintz zu der Bemerkung, er sei ebenfalls Antifaschist und aller Protest gegen die Auflagen der Regierung müssten friedlich bleiben. Kinder würden allerdings heute in der Schule durch die Corona-Auflagen „terrorisiert“, wenn sie durch Masken Schwindelanfälle bekämen, sei das „vorsätzliche Körperverletzung“. Die Initiative Querdenken vertreibt auf ihrer Website übrigens „neue Masken, die so weitmaschig sind, dass die schädliche Wirkung weitestgehend abgemildert sein soll.“

Masken nur Nebenkriegsschauplatz?

Die Sache mit den Masken sei „allerdings nur ein Nebenkriegsschauplatz“, so Markus Haintz, es gehe vor allem um Impfung, Wirtschaft und Überwachung. In diese Richtung geht auch die Klage eines 11-jährigen Mädchens, das nach Haintz auf der Bühne steht: Es hätte seinen Geburtstag kürzlich nur heimlich feiern können. „Ich fühlte mich wie bei Anne Frank im Hinterhaus, wo sie mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden.“

1.000 Menschen waren auf den Messplatz gekommen – gerechnet hatte man mit mehreren hundert.

Dieser Vergleich mit einem Todesopfer der Nationalsozialisten sorgt bei Kritikern der Querdenken-Bewegung für Unverständnis. Ebenso Dr. Walter Weber von „Ärzte für Aufklärung“, der behauptet, dass ein positiver PCR-Test kein Hinweis auf die Krankheit sei. „Mit täglich gemeldeten Zahlen auf dieser nichtssagenden Grundlage wird bei den Menschen Angst und Panik geschürt“, sagt er durchs Mikrofon.

Die Seite der Gegendemonstranten hält dagegen, dass diese Pandemie sich nicht leugnen oder wegdemonstrieren lasse. Der Hass, der durch Demonstrierende verteilt würde, zersetze die Gesellschaft, findet Gegenprotest-Organisatorin Olivia. „Dabei ist der Zusammenhalt gerade in Krisenzeiten wichtig.“

6 Kommentare zu Querdenker-Versammlung in Karlsruhe

  1. Muss das sein, diesen Covidioten solch eine Bühne zu geben und auch noch deren Youtube-Aufzeichnung einzubinden? Ich vermisse hier eine klare Abgrenzung zu denen. Dass da auch Antisemiten, Rechtsextreme und andere furchtbare Gruppen mitmischen, sollte doch mittlerweile bekannt sein…

    • Nina Setzler

      Hallo Tatjana, im Artikel kommen sowohl die Positionen der Querdenker als auch ihrer Gegner vor. Als Stadtmagazin möchten wir schon gerne berichten, wenn sich so viele Menschen auf dem Messplatz zur Demo treffen. Zu den Inhalten sollen sich die Leser am besten selbst ihre Meinung bilden, das Video dient der Transparenz!

      • Es fehlt allerdings die Erwähnung, dass beispielsweise das „Frauenbündnis Kandel“ ebenso vor Ort war – und das in der Einladung zur Demo, die von NPD, AfD, III. Weg und anderen rechten Organisationen geteilt wurde, explizit darum gebeten werden musste, Reichsflaggen Zuhause zu lassen! Die Reichsbürger waren trotzdem zahlreich vor Ort!

  2. Wenn sich 1000 offensichtlich Rechtsradikale treffen, gibt es dann auch nur die Möglichkeit diese Plattform zu bieten, weil es so viele waren? 3,5 Stunden Demomaterial einbinden mit krudesten Aussagen. Sehr gefährlich.

    Eine klare Positionierung von eurer Seite wäre wichtig.

    • Nina Setzler

      Ja klar, wir wollen doch wissen, was in unserer Stadt los ist! Eine Position müssen wir dabei nicht beziehen, denn dieser Bericht ist kein Kommentar. Wir trauen unseren Leserinnen und Lesern zu, selbst zu erkennen, mit welchen Positionen sie es hier zu tun haben.

      • Das ist wirklich eine sehr schwache Rechtfertigung, sich hinter journalistischen Grundsätzen wie Transparenz und „neutraler“ Berichterstattung zu verstecken. Zu Journalismus gehört eben auch eine Einordnung und hier findet sich kein einziger Satz zu all den reichlichen Kritikpunkten an diesen Demos, die im Übrigen von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung geteilt werden. Ein zentraler Punkt in der Strategie der Leute, die solche Demos organisieren, ist doch, den Eindruck zu erwecken, dass ihre Bewegung deutlich größer ist als sie tatsächlich ist und Artikel wie dieser hier tragen leider dazu bei.

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