Marcel Buchholz ist Straßenmusiker in Karlsruhe Fotos: Sofie Woldrich (3), Ana Djan (1)
Straßenmusiker in Karlsruhe: Zwischen zehn und 100 Euro pro Stunde Neben Geld bringen ihnen die Gigs vor allem Reichweite und spannende Erlebnisse
13. Oktober 2021 TEXT: 2

Ein Mann beugt sich vor und wirft ein paar Münzen in den Gitarrenkoffer. Marcel Buchholz unterbricht kurz seinen Song, um sich zu bedanken. „Oft laufen Leute aber einfach vorbei. Kaum jemand ist zum Spazierengehen in der Kaiserstraße“, erzählt der Musiker in einer Pause. „Ich glaube, vielen würde meine Musik eigentlich gefallen – aber sie lassen sich nicht darauf ein. Darum konzentriere ich mich auf die Menschen, die stehen bleiben.“ Dennoch kostet ihn jeder Auftritt als Straßenmusiker Überwindung, gibt Marcel offen zu. „An einem von vier Tagen schaffe ich es, zu spielen. An den anderen habe ich zu viel Schiss.“ 

Marcel Buchholz mit Zuhörer
Der Zuhörer trifft Marcels Koffer nicht auf Anhieb – manche tun auch nur so, als werfen sie etwas hinein

Wenn Marcel gerade keine Cover-Songs oder selbst geschriebene Lieder zum Besten gibt, studiert er Germanistik am KIT. Die Straßenmusik bringt dem 24-Jährigen neben Geld vor allem Reichweite – sein Instagram-Schild hat er aus diesem Grund stets dabei. „Einmal hat mich eine Frau gefragt, die ein Hotel besitzt, ob ich dort auftreten möchte.“

Als Straßenmusiker in Karlsruhe erlebt man so einiges

Auch Jakob Ziegler kommt immer wieder mit Zuhörern ins Gespräch, wenn er auf seiner Gitarre Songs klampft, die von Pink Floyd, Bob Dylan oder modernen Bands inspiriert sind. „Einmal ist ein alter Mann stehen geblieben und hat angefangen zu erzählen, wie er in seiner Jugend auch Musik gemacht hat. Das ist ein schöner Teil von Straßenmusik. Ab und zu beschwert sich aber auch jemand. Wie diese ältere Frau, die gekeift hat: Jetzt halt’s Maul!“, erinnert sich der 21-Jährige. „Manche Menschen tun auch nur so, als ob sie Geld reinwerfen. Oder gucken komisch.“

Jakob Ziegler im Schlosspark
Für Jakob ist der Job als Straßenmusiker in Karlsruhe in der Pandemie ein guter Verdienst

Straßenmusiker dürfen in Karlsruhe bis zu 30 Minuten an einer Stelle musizieren, so sieht es eine Regelung des Ordnungsamtes vor. Danach können sie sich einen neuen Standort suchen, der mindestens 200 Meter entfernt sein muss. Künstler*innen dürfen also einen Tag lang auf den Straßen der Fächerstadt Musik machen, ohne die Verkehrsbehörde zu informieren.

Die Einnahmen dabei schwanken: Zwischen zehn und hundert Euro sind in einer Stunde drin, verraten unsere Interview-Partner. „Vergangenes Jahr, als die Jobsuche wegen der Pandemie schwer war, konnte ich mit Straßenmusik trotzdem etwas verdienen“, sagt Jakob, der noch bei seinen Eltern wohnt. „Um davon leben zu können, müsste ich aber jeden Tag spielen – darauf will ich nicht angewiesen sein.“

Mit dem Camper durch Deutschland und die Schweiz

Ganz anders Ana Djan: Sie fährt mit dem Camper durch Deutschland und die Schweiz, spielt abends in den verschiedenen Städten auf der Straße. „Wenn die Läden schließen und alle auf dem Heimweg sind, lassen sich die Menschen eher darauf ein. Tagsüber rennen alle hinter irgendetwas her und die Stimmung ist zu aufgescheucht,“ findet die 30-Jährige. Sie selbst geht dann oft raus in die Natur, um neue Songs zu schreiben. Mit ihrem einfühlsamen Indie-Pop will Ana ihr Publikum ermutigen, sich auf Gefühle einzulassen. „In Karlsruhe ist mir mal ein total betrunkener Anwalt begegnet. Er hat sich aggressiv verhalten, als ich gespielt habe. Bis ich zeigen konnte, dass es okay ist, wenn es einem schlecht geht. Am Ende hat er geweint.“

Ana Djan mit Gitarre
Ana schreibt tagsüber oft neue Songs in der Natur. Abends spielt sie auf der Straße

Zuletzt war Ana während der Schlosslichtspiele in Karlsruhe, beim Video-Interview mit Karlsruhepuls sitzt sie in einem Studentenwohnheim in Zürich. Dort hat sie Strom für ihren Verstärker und eine Dusche, bevor es wieder raus auf die Straße geht, die ihre Bühne ist. Sie vertraut ihrer Intuition, wo es Sinn macht zu spielen. Das gilt auch, wenn sie nachts an fremden Orten unterwegs ist: „Ich achte darauf, selbstbewusst aufzutreten und Grenzen zu setzen. Was ich ausstrahle, kommt zu mir zurück“, weiß Ana.

Die Straßenmusik war vor Jahren eine erste Möglichkeit für sie, um vor Publikum zu spielen. Anfangs sei sie oft gefragt worden, ob sie auch noch ‚was Richtiges’ mache“, erinnert sich die Heidelbergerin. „Seit ich entschieden habe, dass die Straßenmusik für mich das Richtige ist, fragt das aber niemand mehr.“

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