Fotos: Heike Schwitalla (1), Nina Setzler (1), dm-drogerie markt (1), Grafik: finanz-heldinnen.de
Oh my Gap! Warum Frauen immer noch weniger verdienen Im Vergleich zum durchschnittlichen Gehalt der Männer klafft eine Lohnlücke von fünf bis 19 Prozent
10. März 2021 TEXT: 0

Der Equal Pay Day (EPD) ist ein internationaler Aktionstag für die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Er macht auf die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern aufmerksam („Gender Pay Gap“). Deshalb wird er jedes Jahr an dem Tag begangen, bis zu dem Frauen unentgeltlich arbeiten würden, wenn man ihr Durchschnittsgehalt mit dem der Männer vergleicht. In Deutschland liegt der Equal Pay Day diesmal auf dem 10. März – und damit immerhin sieben Tage früher als noch im Vorjahr.

Sechs Prozent weniger Geld für die gleiche Arbeit

Die bereinigte Lohndifferenz, also der Vergleich der Gehälter von Männern und Frauen bei gleicher Ausbildung und gleicher Arbeit, liegt in Deutschland bei sechs Prozent. Vergleicht man die Gehälter von Männern und Frauen insgesamt, liegt die Lücke sogar bei 19 Prozent. Dieser wesentlich größere Unterschied ist auf strukturelle Unterschiede zurückzuführen. Jobs in sogenannten Frauenbranchen werden insgesamt schlechter entlohnt, noch dazu arbeiten Frauen häufiger in Teilzeit und seltener in Führungspositionen als Männer.

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„Mit diesen 19 Prozent Unterschied beim Gehalt ist Deutschland eines der Schlusslichter in Europa. Deshalb bleibt hier in Sachen Lohngerechtigkeit noch eine Menge zu tun“, weiß Verena Meister (großes Foto). Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe hört auf der Suche nach den Ursachen immer wieder, dass unterschiedliche Verhandlungsstrategien von Männern und Frauen ein Grund sind. „Die sind aber nur ein Teil des Problems“, glaubt Verena Meister. Zwar gibt es Studien, die bei Frauen und Männern auf Unterschiede im Gehalt-Verhandeln hinweisen. Frauen gehen demnach schon nach dem Studium mit geringeren Vorstellungen von ihrem Gehalt auf Jobsuche, verhandeln im Vorstellungsgespräch und auch nach einiger Zeit im Job seltener als Männer, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Hier sind Verhandlungstrainings speziell für Frauen eine Maßnahme. Das allein reicht aber nicht aus, meint Verena Meister, denn der Fehler liegt im System.

Leistung von Frauen wird anders bewertet

„Es gibt aber auch Studien, die zeigen, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen – insbesondere von Männern – anders behandelt werden als ihre Kollegen und dadurch benachteiligt werden“, so Verena Meister weiter. „Alte Rollenbilder wirken auch heute noch nach, wenn es darum geht, Leistung zu bewerten oder Stellen zu besetzen. Das kann noch immer zu indirekter Benachteiligung und Diskriminierung führen.“ 

In einer aktuellen Studie von Gehalt.de und finanz-heldinnen.de ist von 5,08 Prozent Lohnunterschied die Rede

Niedrigere Gehälter von Frauen sind also nicht allein auf das Verhandlungsgeschick von Frauen zurückzuführen, sondern auch darauf, dass häufiger Männer darüber entscheiden. „Der Gender Pay Gap hat strukturelle Ursachen. Um sie zu beseitigen, braucht es transparente Beurteilung, transparente Gehälter und Fortbildungen für Führungskräfte. Es geht um die Sensibilisierung für unbewusste Vorurteile, durch die Frauen bei der Bewertung ihrer Arbeit benachteiligt werden.“

Frauen arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Branchen

Frauen wählen andere Berufe als Männer. Sie arbeiten häufiger in sozialen Dienstleistungen, die schlechter bezahlt werden als zum Beispiel technische Berufe. Diese Lohnlücke basiert auf dem gesellschaftlichen Problem, wie wir Arbeit bewerten. Weshalb bekommt ein Kfz-Mechatroniker mehr Geld als eine Erzieherin? „Beide haben eine qualifizierte Ausbildung durchlaufen, deshalb tun sich da gleichstellungspolitische Abgründe auf“, findet Verena Meister. 

Auch (längere) familienbedingte Erwerbsunterbrechungen und der Wiedereinstieg in Teilzeit sind Gründe für die Lohnlücke. Frauen üben knapp 62 Prozent aller Minijobs aus, 47 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen arbeiten in Teilzeit. So kommt es, dass Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert sind, weil diese kaum in Teilzeit besetzt werden.

dm: knapp 50 Prozent weibliche Führungskräfte

Auch große Karlsruher Arbeitgeber wie Siemens oder dm beschäftigen sich mit der Chancengleichheit von Mann und Frau. dm-Personalchef Christian Harms erklärt: „Wir legen großen Wert auf Transparenz und möchten jedem die Gewissheit geben, dass wir ihn in seiner Aufgabe objektiv wahrnehmen. Das Geschlecht ist dabei nicht von Bedeutung.“ Das Einkommen bei dm hängt wesentlich von der verrichteten Tätigkeit ab, manchmal wirkt das gesamte Team beim Prozess der Einkommensfindung mit. 

dm-Personalchef Christian Harms findet, dass das Geschlecht bei der Stellenbesetzung keine Rolle spielen darf

Zum Teil bringt sich auch der Betriebsrat ein und leistet einen Beitrag zur diskriminierungsfreien Vergütung. „Im gesamten Unternehmen – ohne die Märkte gerechnet – haben wir deutschlandweit knapp 50 Prozent weibliche Führungskräfte. Bei Einstellungen muss die Frage im Mittelpunkt stehen, wer für die Aufgabe am besten geeignet ist – und nicht das Geschlecht. Ansonsten sind wir als Unternehmen nicht zukunftsfähig“, ist sich Christian Harms sicher. 

Siemens fördert weiblichen Nachwuchs in technischen Berufen

In den 2.020 dm-Märkten ist der Anteil an weiblichen Beschäftigten sehr hoch, bei der Siemens AG liegt er dagegen nur bei rund 26 Prozent. „Wir versuchen, durch gezielte Förderungen und Programme wie den Girls Day den Anteil von Frauen in technischen Berufen zu erhöhen. Unsere Analysen zeigen aber, dass die Gesellschaft von einem ausgeglichenen Anteil beider Geschlechter in MINT-Studiengängen weit entfernt ist“, sagt Evelyn Necker aus der Siemens-Unternehmenskommunikation. 

Dieses Ungleichgewicht setzt sich natürlich im Berufsleben fort. „Deshalb richtet sich unser Fokus bei Neueinstellungen seit Jahren auch auf Absolventinnen mit MINT-Qualifikation. Wir sind stolz, dass wir inzwischen zumindest in unserem Nachwuchskräfte-Programm 50 Prozent Frauen erreicht haben“, so die Siemens-Sprecherin. Der Konzern will eine faire Vergütung unabhängig vom Geschlecht sicherstellen und verfolgt das Thema daher kontinuierlich, versichert sie.

Trainings gegen unbewusste Vorurteile

Zum Equal Pay Day wurde deshalb eine globale Analyse durchgeführt, in welchen Bereichen noch unbegründete Lohnlücken bestehen. „Das Ergebnis war, dass die bereinigte Lohnlücke im unteren einstelligen Prozent-Bereich liegt“, sagt Evelyn Necker. Man habe das Problem also auf dem Radar und gehe mit einem Paket an Maßnahmen dagegen vor, etwa der systematischen Entwicklung von Frauen im Rahmen der Nachfolgeplanung. Auch nachhaltiges Coaching für Frauen in Führungsrollen und spezifische Trainings zum Thema „Unconscious Bias“ (unbewusste Vorurteile) stehen für Männer und Frauen auf dem Programm. Bis Juni 2022 will Siemens seine Führungsebenen 1 und 2 zu 20 Prozent weiblich besetzt haben. 

Rund um den Equal Pay Day finden in Karlsruhe einige Veranstaltungen statt: Das Portal finanz-heldinnen.de und Global Digital Women organisieren am 18. März das kostenlose Online-Event #ohmy_gap – So schließt Du Deine Gehaltslücke. Die Damen der BPW Karlsruhe (Business And Professional Women) laden am gleichen Tag zum interaktiven Zoom-Vortrag mit Claudia Kimich unter dem Motto „Verhandlungstango – Schritt für Schritt zu mehr Geld und Anerkennung“ ein.

 

 

 

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