Fotos: Linda Calmbach
„Botox ist wie Seiten ausreißen“ Eric Standop liest aus den Gesichtern anderer Menschen wie aus einem Buch

Jemandem steht etwas ins Gesicht geschrieben. Dem Gegenüber die Wünsche von den Lippen ablesen. Das sind alltägliche Redensarten, die auf den Punkt bringen, was Eric Standop macht: Der gebürtige Karlsruher ist Gesichtleser.

Er arbeitet für große Unternehmen, für Promis wie David und Victoria Beckham und für alle Interessierten, die auf diese Art mehr über sich oder eine andere Person erfahren möchten. Eric gibt sein Wissen auch weiter, er hat die Face Reading Academy gegründet und schreibt Bücher über seine Fähigkeit – das nächste heißt Ich lese Dich und erscheint am 7. Oktober.

Der Karlsruher bringt am 7. Oktober ein neues Buch übers Gesichtlesen heraus

Ursprünglich hat der Autor Pädagogik studiert und bis zu seinem zweiten Burn-out in der Unterhaltungsbranche gearbeitet, zuletzt bei einer Karlsruher Firma für Computerspiele. Vor 16 Jahren begegnete er in Südafrika in einer Bar zum ersten Mal einem Gesichtleser. „Ich war fasziniert und wollte diese Kunst selbst lernen. In einem alten Mann in Norddeutschland fand ich meinen ersten Lehrer“, sagt Eric. Nach anderthalb Jahren Ausbildung eröffnete er eine Praxis in der Karlsruher Südstadt – und scheiterte erst mal kläglich. „Ich hatte drei Kunden in einem Jahr – und einer davon hat nicht bezahlt“, erinnert er sich schmunzelnd.

Techniken aus aller Welt gelernt

Über einen Job in einem Karlsruher Café ging es nach Südamerika. „In Kolumbien traf ich einen Gesichtleser, der sein Geld mit Touristen am Strand verdiente. Da dachte ich mir, dass es doch auch für mich einen Ort geben muss, an dem ich von dem Erlernten leben kann“, so Eric. Er zog nach Hongkong, wo Facereading zum Alltag gehört, und bot seine Dienste in einem Hotel an. In China lernte er weitere Formen des Gesichtlesens kennen. Mittlerweile beherrscht er acht der rund 15 bis 20 bekannten Techniken.

Eric beherrscht acht der etwa 15-20 bekannten Techniken im Gesichtlesen

Mit der Zeit sprachen sich die Fähigkeiten des Karlsruhers herum, bald arbeitete er immer öfter in der Wirtschaft und beriet Unternehmen bei Verhandlungen und in Bewerbungsgesprächen. Auch für Firmen im Silicon Valley war er schon gesichtlesend tätig. „Irgendwann fand ich es komisch, dass meine Arbeit überall auf der Welt anerkannt wurde, nur in der Heimat nicht“, sagt er rückblickend. „Dabei ist das Gesichtlesen eine mitteleuropäische Tradition. Sogar Goethe war Gesichtleser!“

Beziehungs- und Ernährungstipps

Heute ist Eric Standop auch in Deutschland gut gebucht. Er hält Vorträge, gibt Workshops, tritt im TV auf und arbeitet manchmal sogar für die Polizei. Auch Privatpersonen können ihn buchen, wenn sie etwa wissen möchten, wie sie ihre Ernährung oder ihre Beziehung optimieren können oder was ihre Lebensaufgabe ist. Der Facereading-Profi kann in einem Gesicht nämlich allerhand Dinge erkennen, sogar Krankheiten und Charakterzüge!

Der Profi kann allerhand aus einem Gesicht lesen – nur allzu glatt darf es nicht sein!

„Unser Gesicht hat 43 Muskeln, die 10.000 verschiedene Bewegungen machen können. Sie alle verraten etwas über den Menschen. Warum sollten wir diese Informationen nicht nutzen?“, fragt Eric. Er analysiere aber nicht ständig und jeden, wie er versichert. „Man lernt zuerst, wie man die Technik anwendet. Dann lernt man, wie man sie nicht anwendet!“ Grundsätzlich könne jeder Mensch in Gesichtern lesen und erkennen, wie es dem Gegenüber gerade geht. Bei Kindern sei diese Fähigkeit stärker ausgeprägt, Erwachsene verlören sie mitunter.

Make-up und Botox erschweren den Job

Manche Faktoren machen die Analyse eines Gesichts kompliziert: Make-up und Gesichtsmasken zum Beispiel. „Wenn das halbe Gesicht verdeckt ist oder Hautverfärbungen, Äderchen und Schwellungen kaschiert sind, verfälscht das die Ergebnisse“, weiß der 54-Jährige. „Auch plastische Chirurgie, Hyaluron in den Lippen oder Botox zur Faltenglättung verändern die Züge total. Das Gesicht wirkt dann wie ein Buch, aus dem ein paar Seiten herausgerissen wurden. Man kann trotzdem darin lesen, aber ein Teil der Geschichte fehlt.“

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