Daniel Wenk vor seinem Home of Blues
Aufstand gegen das Zuschließen Karlsruhes Einzelhänder würden gern bald wieder öffnen
3. Januar 2021 TEXT: 2

Zigfach wird in den Sozialen Netzwerken gerade ein Aufruf des Bündnisses #handelstehtzusammen geteilt, der eine zeitnahe Öffnung der Geschäfte unter Beibehaltung bewährter Hygienekonzepte fordert. Im Fall einer Lockdown-Fortsetzung verlangt er eine Entschädigung der Unternehmen zur Sicherung ihrer Existenz.

Esther Scheffer in ihrem Laden Libelle
Esther Scheffer vom Geschenkladen Libelle sagt, der Einzelhandel warte auf Hilfen

„Die Hilfen kommen einfach nicht an – oder zu spät“, sagt Esther Scheffer vom Geschenkladen Libelle in der Weststadt. „Deshalb wäre es wichtig, wieder zu öffnen. Klar, wir würden gern am 11. Januar aufmachen.“ In Baden-Württemberg werde die Situation der Geschäfte verschlimmert, weil die Kunden die gewünschten Artikel nicht abholen dürften, findet Esther. „Das ist in den anderen Bundesländern erlaubt und hätte die Situation für uns sicher etwas verbessert.“

Die virtuelle Petition von #handelstehtzusammen haben bereits über 7.000 Supporter unterschrieben, auch Karlsruher Betriebe wie das Modehaus Nagel, Staudt Mode oder Reif.B gehören zu den Unterstützern. Hinter der Aktion stehen sechs Unternehmer aus Süddeutschland, deren – nach eigener Aussage – modern aufgestellte Familienbetriebe nicht durch einen Strukturwandel, sondern allein durch die Corona-Verordnungen wirtschaftlich schwer geschädigt würden.

Einzelhandel als Teil der Lösung

Aus ihrer Sicht ist die Schließung des Einzelhandels eine falsche Maßnahme, da er nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sei: „Je mehr Läden geöffnet sind, desto mehr verteilt sich das Kundenvolumen auf eine größere Fläche“, erklären die Macher hinter #handelstehtzusammen. „Bei der Beschränkung auf Supermärkte, Drogerien, Postämter et cetera bilden sich viel größere Menschenansammlungen – unter anderem in den Abteilungen, die die Sortimente der geschlossenen Geschäfte anbieten.“

Tanja Wolf von der Boutique Maribelle in Karlsruhe
Maribelle-Betreiberin Tanja Wolf glaubt, Hygiene-Auflagen lassen sich in kleinen Shops gut umsetzen

So sieht das auch Tanja Wolf, die in der Waldstraße die Mode-Boutique Maribelle betreibt: „Ich würde gern wieder öffnen – wie viele in unserer Branche – unter Einhaltung der Hygiene-Vorschriften. Wenn ich sehe, was gerade auch vor Weihnachten in den Einkaufsläden wie Aldi, Metro oder auf dem Markt los war (kein Abstand, Gedränge, lange Schlangen an den Kassen) frage ich mich, warum kleine Läden schließen mussten, in denen man es wirklich steuern kann, nur ein bis zwei Personen einzulassen.“

Schluss mit Salami-Politik

Auch Daniel Wenk von Home of Blues in Durlach ist unzufrieden mit der Situation. „Von mir aus kann der Lockdown bis Anfang Februar dauern. Aber dann müssen wir auch wieder aufmachen. Mit dieser Salami-Politik muss Schluss sein – das macht doch alle verrückt.“ Er wäre schon zufrieden, wenn er auf seiner Website einen Abholservice anbieten könnte, aber „nicht mal das dürfen wir Händler in Baden-Württemberg. Auch Termine mit Einzel-Kunden wären eine Lösung, sind aber nicht erlaubt. Da wurde nicht klar drüber nachgedacht“, findet Daniel.

Shop-Besitzer Daniel Wenk aus Karlsruhe
Daniel Wenk würde seinen Kunden gern einen Abholservice anbieten

Dass große Einkaufsläden mit hoher Kundenfrequenz aktuell nicht öffnen dürften, sehe er ein. „Mein Laden hat aber nur 60 Quadratmeter. Über den Tag verteilt kommen maximal zehn Personen.“ Mit allen Schutzmaßnahmen, an die sich die Einzelhändler gehalten hätten, seien die Infektionszahlen in dem Bereich nicht gestiegen, so der Jeans-Experte. Angesichts der Tatsache, dass seine Branche noch nicht so schwer gebeutelt worden sei wie der Gastro- und Kulturbereich, falle es ihm andererseits fast schon schwer, sich zu beklagen.

„Wir machen auf“-Bewegung

Radikaler treten andere Händler und deren Unterstützer aus ganz Deutschland auf: In einer neuen Telegram-Gruppe formiert sich unter dem Motto „Wir machen auf – kein Lockdown mehr“ ein Aufstand gegen die Zwangsschließung. „Eine weitere Verlängerung wird nicht mehr akzeptiert”, heißt es dort, mehr als 38.000 Leute hatten sich am Sonntagabend angemeldet.

Telegram-Gruppe Wir machen auf
Auf Telegram formieren sich Lockdown-Gegner zum „Widerstandsprojekt Wir machen auf“

Diskutiert wird der eigenmächtige Ausstieg aus dem Lockdown, wie ihn auch der Rosenheimer Sporthändler Udo Siebzehnrübl propagiert: Er wolle seine fünf Geschäfte auch im Fall einer möglichen Lockdown-Verlängerung am 11. Januar wieder öffnen, teilte er den OVB-Heimatzeitungen mit: „Wir lassen uns nicht mehr länger gängeln, als wären wir in der Diktatur.“

Auf Twitter weht Ansichten wie dieser ein heftiger Wind entgegen. Juristische Konsequenzen von der Strafzahlung bis zum Verlust des Gewerbescheins werden ins Feld geführt, von medizinischer Seite werden Luftröhrenschnitte und überfüllte Intensivstationen beschrieben. Thomas Laschyk bezeichnet das Ansinnen der „Wir machen auf“-Bewegung auf seinem Blog Volksverpetzer als „Querdenker-PR-Stunt“.

Handelsverband befürchtet Pleitewelle

Gemäßigter, aber dennoch sorgenvoll, äußert sich der Handelsverband Baden-Württemberg: Sollte der Lockdown verlängert werden und die Branche keine Unterstützung bekommen, müssten viele Händler für immer schließen. Ein Verlust von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen sei für die Innenstädte verheerend, glaubt die Interessenvertretung der Einzelhändler und fordert schnelles und couragiertes Handeln der Politik.

„Wenn wir in 2021 nicht eine nie da gewesene Pleitewelle von Einzelhändlern erleben wollen, müssen wir alle – Politik, Gewerkschaften und Gesellschaft – konstruktiv zusammenarbeiten“, appelliert Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann. Sie fordert Entschädigungen für staatlich verfügte Schließungen und eine optimierte Impfstrategie des Landes – jeder Tag im Lockdown koste bundesweit 800 Millionen Euro. Bei sinkenden Infektionszahlen müsse der Einzelhandel dringend wieder öffnen dürfen – einkaufen führe dank bewährter Hygienekonzepte zu keinen erwähnenswerten Ansteckungen, so Hagmann.

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