Fotos: Cordula Schulze (4), Nina Setzler (2)
Beschützerinstinkte für Betonmonster Redakteurin Cordula Schulze fotografiert am liebsten Gebäude des Brutalismus
5. Januar 2021 TEXT: 1

Hässlich, klobig, massiv – so empfinden viele Menschen die Betonbauten der 50er- bis 70er-Jahre. Durch die Augen anderer sind sie jedoch wahre Schönheiten: Die Karlsruher Redakteurin Cordula Schulze fotografiert seit Jahren Gebäude der Nachkriegszeit und plant sogar ihre Reisen nach ihnen.

Für viele Leute ist Brutalismus nicht gerade die erste Motivwahl. Wie kommt es, dass du ausgerechnet diese Architekturen fotografisch sammelst?

Ich interessiere mich für Bauten der Moderne, vor allem der drei Nachkriegsjahrzehnte. Brutalistische Gebäude finde ich visuell häufig besonders interessant – wegen ihrer Materialehrlichkeit. Der Begriff Brutalismus stützt sich nicht auf „brutal“, sondern auf „béton brut“, also rohen, unverkleideten Beton. Gebäude des Brutalismus wirken durch ihre Form, was durch die Kamera gesehen spannend ist.

Mich hat das Jagdfieber gepackt und ich achte sogar bei der Reiseplanung auf interessante Nachkriegsarchitektur. Je tiefer ich in das Thema eintauche, desto größer wird der Wunsch, abrissgefährdete Bauten zu dokumentieren. Wenn man die Augen offenhält, findet man auch an überraschenden Orten interessante Objekte.

Aus Cordulas Foto-Sammlung: Das Europa-Gymnasium von Architekt Egon Seidel wurde 1968 in Wörth gebaut

Welche denn?

Ein paar regionale Beispiele: Jenseits des Rheins, in Offenbach an der Queich, gab es ein hübsches Beton-Rathaus mit Vorplatz und Brunnen, das mittlerweile abgerissen ist. Das Ensemble auf dem Dorschberg in Wörth aus den 70er-Jahren steht noch weitgehend im Original. Hier in Karlsruhe mag ich besonders das elegante Bundesverfassungsgericht und den Wilhelm-Nusselt-Hörsaal auf dem KIT-Gelände. Ein Betonmonster auf Stelzen, das leider gerade abgerissen wird!

Ich bedaure auch sehr, dass die Gebäudegruppe des ehemaligen Badenwerks im Zentrum von Karlsruhe wohl nicht erhalten wird. Ebenso bedauerlich ist, dass die Nancyhalle im Moment nicht genutzt werden kann. Zusammen mit der Schwarzwaldhalle bildet sie ein tolles Nachkriegsensemble. Um noch ein regionales Beispiel zu nennen: Pforzheim mit seinen vielen leichten Nachkriegsbauten finde ich auch ein spannendes Pflaster für Erkundungen.

Dieser Shot aus der Architekturfakultät der Hochschule Karlsruhe war 2019 der beliebteste auf Cordulas Instagram-Account

Gab es einen Startmoment, ein Erlebnis, das am Anfang dieser Leidenschaft stand?

Fotos von nachkriegsmodernen Gebäuden mache ich seit dem Sommer 2016. Da habe ich in Southampton zu seiner Verwunderung einen Taxifahrer nach einem etwas dräuend wirkenden Wohnblock gefragt und bin später dort hingelaufen, um zu fotografieren: Wyndham Court, geformt wie ein Schiff, das in See sticht. Später fand ich dann heraus, dass das ein tolles Beispiel für den britischen Brutalismus der 60er ist.

Die „brutalen“ Bauten sind nicht die beliebtesten, oft genug werden Sie abgerissen oder stehen kurz davor. Auch du selbst bist im Grunde zufällig darauf gestoßen. Was genau reizt dich daran?

Die große Brutalismus-Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum 2017 hieß nicht umsonst „Rettet die Betonmonster“. Das zeigt ja, dass die Fangemeinde schon das Monströse, Radikale vieler brutalistischer Gebäude schätzt. Gleichzeitig entwickelt man Beschützerinstinkte gegenüber dem als hässlich gescholtenen Stil.

Noch schnell ein Foto: Der 1960 erbaute Nusselt-Hörsaal auf dem Karlsruher KIT-Campus wird abgerissen

Als ich anfing, ihn interessant zu finden, wusste ich nicht mal, wie er heißt. Das war auf Reisen in Ex-Jugoslawien und in ehemaligen Sowjetrepubliken. Dort gibt es fantastische, skulpturale Gebäude im Stil des Brutalismus.

2011 fand im ZKM eine Ausstellung von Frederic Chaubin statt. Der französische Fotograf hatte sich mit viel Geduld und Akribie auf dem Territorium der Ex-UdSSR auf die Pirsch begeben und brutalistische Gebäude fotografiert, die er „Cosmic Communist Constructions“ nannte. Da wurde mir klar, dass es noch mehr Leute gibt, die diese eigenwilligen und festungsartigen Gebäude spannend finden. Immerhin prägen sie oft unsere Innenstädte, wir lernen, arbeiten, beten oder wohnen in ihnen.

Viele deiner Aufnahmen sind schwarz-weiß. Wie entscheidest du, welche Farbigkeit die Fotografien bekommen?

Das kommt sehr auf meine Stimmung, aufs Licht und aufs Gebäude an. In Schwarz-Weiß kann man Muster, Materialien oder Texturen hervorheben. Manchmal hilft es, den Blick von zu viel Umgebungsunruhe auf das Gebäude zu lenken.

Aber mir gefallen auch Farbbilder – sie haben eine zusätzliche Erzählebene und heben andere Qualitäten eines Hauses besonders hervor. Zum Beispiel können Farbkonzepte, Leitsysteme oder Gestaltungsfarben viel über die Zeit erzählen. Eine U-Bahn-Station aus den 70ern mit leuchtend orangefarbenen Kacheln funktioniert in Schwarz-Weiß nicht so gut.

Die Grugahalle in Essen ist eines von Cordulas Lieblingsgebäuden – nicht nur weil ihre Uroma ganz in der Nähe wohnte

Viele deiner fotografierten Gebäude sind in NRW – warum?

Ich bin in Münster/Westfalen geboren und in Essen aufgewachsen, wo meine Familie bis heute lebt. Ich mag das Ruhrgebiet. Während einiger Studienjahre in Köln ist mir zudem die Domstadt ans Herz gewachsen und ich habe Freunde dort. NRW ist ein zweites Zuhause für mich. Wenn ich zu Besuch dort bin, versuche ich natürlich auf Fotopirsch zu gehen.
Im Rheinland finden sich wunderbare Beispiele für Brutalismus, allen voran die Bauten von Gottfried Böhm. Auch im Ruhrgebiet gibt es das eine oder andere Gebäude zu bewundern, aber insgesamt sind die Betonmonster dort eher dünn gesät. Eines der Highlights ist die Ruhr-Uni in Bochum.

Form- und farbstarker Zeitzeuge: Die Bibliothek der Hochschule Karlsruhe (ehemals PH) wurde 1970 bis 72 errichtet. „Hier leuchten die roten Bänder und geben der Fassade Struktur“, sagt Fotografin Cordula Schulze.

Du bist vor zwanzig Jahren nach Karlsruhe gezogen. Was schätzt du an der Stadt? Gibt es hier „Betonmonster“, die dir besonders aufgefallen sind?

2001 bin ich wegen eines Jobs nach Karlsruhe gekommen, 2013 habe ich mich als Redakteurin selbstständig gemacht. Ich schätze die Stadt für ihre hohe Lebensqualität und für die vielen Menschen, die ich hier kennengelernt habe. Zudem ist man hier an viele Verkehrsmittel angebunden und kann von hier aus hervorragend die Welt erkunden.

Ein fast unbemerktes und selten dokumentiertes brutalistisches Gebäude mitten in der Innenstadt ist das Gemeindezentrum St. Stephan von Helmut Bätzner, der auch das Badische Staatstheater entworfen hat.
Eine weitere nachkriegsmoderne Architektur, über die wir 2021 dringend sprechen müssen, ist das monumentale alte Postscheckamt, das abgerissen werden soll. Ist das sinnvoll und nachhaltig, nur weil es vielen Menschen gerade nicht so gut gefällt?

1 Kommentar zu Beschützerinstinkte für Betonmonster

  1. Klasse Bericht über das Projekt von Cordula. Gut dass sie diese vernachlässigte Gebäude an alle auf Instagram informiert, besonders wenn die bedroht sind.

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