Fotos: Nina Setzler
Reifen für Reifen geht es voran Mehrheit im Gemeinderat will radgerechten Umbau der Stadt vorantreiben – die Verwaltung kann nicht so schnell

Keine Frage: Wenn Ihr in Karlsruhe mit dem Rad unterwegs seid, kommt ihr mittlerweile an vielen Stellen ordentlich voran. Es gibt einige Fahrradstraßen, viele Radspuren oder Aufstellflächen an Kreuzungen. Das ist aber noch lange kein Grund, sich zufrieden zu geben, sagen zumindest einige Fraktionen im Karlsruher Gemeinderat. Sie machen ordentlich Druck und wollen den Weg, der mit dem 20-Punkte-Radprogramm aus dem Jahr 2005 eingeschlagen wurde, zügig weiterfahren. Doch bei der jüngsten Sitzung des Planungsausschusses am Donnerstag zeigt sich: So schnell wie erhofft geht es nicht an allen Stellen.

Umbau der Herrenalber Straße muss warten

So müssen die Radlerinnen und Radler beispielsweise noch bis mindestens Mitte des Jahrzehnts darauf warten, bis die Herrenalber Straße, also die wichtige Verbindung vom Hauptbahnhof über Rüppurr in Richtung Ettlingen, radgerecht umgebaut wird. Stadtauswärts ist das bereits der Fall. Jetzt drängt die Grünen-Fraktion darauf, auch in Richtung City loszulegen. Obwohl die fertigen Pläne seit acht Jahren in der Schublade liegen, muss der Umbau warten – wegen anderer Baustellen in und um Karlsruhe. Die Herrenalber Straße wird als Nord-Süd-Ausweichachse für den Autoverkehr gebraucht.

Die Herrenalber Straße soll mehr Überwege für Fußgänger bekommen – allerdings erst in ein paar Jahren

Stadtrat Aljoscha Löffler (Grüne) fordert dennoch: „Wir wollen in kleineren Schritten schneller vorankommen“. Die Verwaltung plant jetzt wenigstens, den Umbau im Bereich Battstraße kurz vor den Autobahnauffahrten vorzuziehen. Später sollen drei weitere Fußgängerüberwege auf dem zwei Kilometer langen Abschnitt eingerichtet werden. Direkt an der Straßenbahnlinie sollen beinahe über die gesamte Strecke Bäume gepflanzt werden. Die Pläne sind jedoch so alt, dass selbst langjährige Stadträte wie Michael Zeh (SPD) im Planungsausschuss fordern, die umfangreiche Maßnahme noch einmal vorzustellen.

Pop-up-Radwege? Bitte nicht schnellschnell! 

An anderer Stelle geht es zügiger: Noch in diesem Jahr soll die Siemensallee einen Radstreifen erhalten, die Haid-und-Neu-Straße hat gerade einen bekommen. In der Rheinstraße gibt es seit mehreren Jahren die sogenannten Angebotsstreifen für Radlerinnen und Radler, jetzt werden sie mit roter Farbe zu echten Radwegen umgewandelt. In der Pipeline ist zudem eine durchgängige Radwegeführung von der Kappellenstraße bis zum Weinbrennerplatz.

Es tut sich einiges für Radlerinnen und Radler in Karlsruhe. Pop-up-Radwege sieht die Verwaltung aber kritisch

Pop-up-Radwegen, wie sie im Zuge der Pandemie überall in der Republik kurzfristig entstanden, erteilt man in der Verwaltung jedoch im Grunde eine Absage. Die Beispiele, die testweise in Karlsruhe umgesetzt wurden, zeigen tatsächlich Licht und Schatten. „Das Schnellschnell ist in vielen Städten wieder gecancelt worden“, sagt Ulrich Wagner, verantwortlich für die Verkehrsplanung im Karlsruher Stadtplanungsamt. „Wir wollen lieber gleich in Weiß und nicht in Baustellengelb markieren“. Will heißen: Die Stadt mag keine Provisorien einrichten, sondern „sauber durchgeplante Radwege“, so Wagner. Das habe auch etwas mit Verkehrssicherheit zu tun.

Keine katalanischen Superblöcke

Keine Zustimmung fand ein weiterer Antrag der Linken, das Superblock-Konzept umzusetzen, das derzeit in der katalanischen Metropole Barcelona getestet wird. Es sieht vor, mehrere Häuserblöcke zusammenzunehmen, den Autoverkehr in den inneren Straßen einzuschränken und auf größeren Straßen um die Blöcke herumzuführen. Nur noch Anwohner haben die Möglichkeit, in solche Bereiche einzufahren. Die frei werdenden Flächen stehen Fußgängern, Radlern oder spielenden Kindern zur Verfügung. Karlsruhe eigne sich nicht dafür, heißt es aus der Verwaltung, zumal es schon ein hierarchisches System von Straßen gebe. In Wohngebieten gelte auf den Nebenstraßen Tempo 30.

Die Radverkehrsinfrastruktur weiter nach vorn zu bringen steht nicht bei allen Fraktionen ganz oben auf der Agenda. Die CDU unterstützt zwar grundsätzlich die Ziele. Gleichzeitig wird immer wieder die Gleichberechtigung von Auto und Rad in der Innenstadt betont. „Wir haben in Karlsruhe schon ein sehr gutes Radwegenetz“, sagt Stadtrat Dirk Müller (CDU).

Immer mehr Radlerinnen und Radler

Die AfD hält es im Kern für überflüssig, etwas für den Radverkehr zu tun, und sieht jede Maßnahme als Gängelei für Autofahrer. Stadtrat Paul Schmidt (AfD) stellt die Frage, ob es denn rechtlich zulässig sei, Radrouten quasi parallel zu installieren. Sein Beispiel: eine Radstraße auf der Sophienstraße, gekennzeichnete Radstreifen auf Kaiserallee und Rheinstraße sowie die Möglichkeit, auf der Hildapromenade und der westlichen Kriegsstraße zu fahren. Die Antwort von Planer Wagner: Auf allen Routen gebe es eine wachsende Quote von Radlerinnen- und Radlern.

Alle Karlsruher Bebauungspläne sollen daraufhin überprüft werden, ob sie Abstellanlagen für Fahrräder erlauben

Und dann gibt es da noch eine echte Herkulesaufgabe: Alle 875 Bebauungspläne in Karlsruhe sollen daraufhin überprüft werden, ob im jeweiligen Bereich Abstellanlagen für Fahrräder zulässig sind. Das hat der Planungsausschuss einmütig beschlossen. Warum das sein muss? Fahrradparkplätze gelten formal als Nebenanlagen. In vielen Bebauungsplänen sind sie nicht erlaubt. So sollte in früheren Jahren vermutlich der Bau von wilden Gartenhütten verhindert werden.

Radparkplätze sind Nebenanlagen 

Jetzt erschwert das den gewünschten und dringend nötigen Bau von Radabstellplätzen. Bürgermeister Daniel Fluhrer kündigte an, die Prüfung und Änderung werde eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Vielleicht könnte das Land Baden-Württemberg, das ja für die Landesbauordnung zuständig ist, bei Gelegenheit über die Einordnung von Fahrradparkplätzen als Nebenanlagen nachdenken!

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