Fotos: Karlsruhepuls
Architekturcomics: Räumliches Erzählen in Bildern Architekturschaufenster präsentiert Ergebnisse eines Hochschul-Seminars

Knappe Rohstoffe, kriminelle Machenschaften, Umweltaktivisten. Dazu Herzschmerz und Intrigen – mehr als genug Stoff für einen Thriller! Aber gezeichnet? Ja! Und zwar im Architekturcomic „Salzhunger“ von Matthias Gnehm. Darin reist Protagonist Arno Breder auf den Spuren eines Umweltskandals von Zürich bis nach Lagos.

Thriller vor faszinierender Kulisse

Die Geschichte spielt vor einer faszinierend detailreichen architektonischen Kulisse. Sie verrät die Wurzeln des Autors als studierter Architekt. Das Werk ist Teil einer Ausstellung im Architekturschaufenster, die Architekturcomics und Arbeitseregebnisse eines Seminars an der Hochschule Karlruhe präsentiert.

Ausstellungstafel Architekturcomics
Auf lange Tafeln gedruckt: Die Arbeitsergebnisse aus dem Seminar über Architekturcomics

Im Fall von Matthias Gnehm zeigt sie, dass er den Aufbau seiner Seiten verändert, wenn die Dramaturgie es verlangt. Bei dramatischen Geschehnissen oder einer gedanklichen Pause weicht er von seinem zweispaltigen Raster ab. Dann verwendet er ein horizontales Panel, um den Leser tiefer in das Geschehen hineinzuziehen.

Bildergeschichten für Erwachsene

Graphic Novels sind Comic-Romane im Buchformat. Sie verarbeiten mit erzählerischer Komplexität auch ernsthafte Themen und richten sich an Erwachsene. Seit den 1980er-Jahren wurden sie immer populärer. Klassiker des Genres sind Art Spiegelmans Maus. A Survivor’s Tale (1980), Frank Millers Sin City (1991/92) oder Persepolis von Marjane Satrapi (2000).

Lässt man sich auf das Genre ein, eröffnet sich ein verblüffend vielschichtiges Feld. Aus der Perspektive der Architektur lassen sich verschiedenste Erzählungen entdecken. Bauwerke als gebaute Bühne eines Geschehens treten neben Stadtarchitekturen, die eigene Welten entwickeln. Was wäre etwa Batman ohne Gotham City?

Architekturcomics im Architekturschaufenster Karlsruhe
Die Architekturcomics bieten besondere Möglichkeiten, um Gebäude darzustellen

Im Architekturschaufenster ist auch das Comic „A house under the sun. Eileen Gray’s E.1027“ zu sehen. Es handelt von einer Architektin und ihrem bekanntesten Gebäude, das lange Zeit Le Corbusier zugeschrieben wurde. „Die Illustratorin Zosia Dzierzawska bringt die verschienenen Stadien eines Entwurfsprozesses in die Zeichnungen ein“, erklären Studierende auf einer der Ausstellungstafeln.

Neben Entwurfsskizzen werden in dem Architekturcomic auch Grundrisse und Schnitte dargestellt, durch die sich die Figuren bewegen. So verdeutlicht die Zeichnerin, dass Architektur nicht nur schön sein, sondern auch Bedürfnisse der Menschen erfüllen soll.

Comics lesen – komplexer als gedacht

Beschäftigt man sich mit der Funktionsweise von Comics, findet man eine eigenständige Kunstform. Der Beginn des modernen Comics wird um 1895 in New York gesehen, als Richard Felton Outcaults The Yellow Kid in der Wochenendbeilage des The American Humorist erschien. Je nach Perspektive lassen sich Vorläufer des Comics bis in die Frühzeit finden, in steinzeitlichen Höhlenmalereien, präkolumbianischen Friesen oder dem Teppich von Bayeux.

Seminarleiterin Dr. Simone Kraft hat auch die ASF-Ausstellung kuratiert. Und diesen Text geschrieben

Tatsächlich ist die Definition des Comics schwieriger als erwartet und in der Forschung noch nicht einstimmig gelöst. Die Untersuchung von Comics ist eine junge Disziplin, die erst seit den 2000er-Jahren verstärkt publiziert wird. Wohl auch, weil der Gegenstand lange als trivial abgetan wurde. Ein Schicksal, das er etwa mit der Mode teilt. Deren soziale, politische, wirtschaftliche und ökologische Bedeutung wird durch ihre Popularität und den teils exzessiven Massenkonsum oft übersehen.

Auch der Comic verbindet „Low Culture“ und „High Culture“ in einer Zwischenposition als vermeintlich einfach zu konsumierendes Massenmedium, das keiner der „ernsthaften“ Kunstgattungen wirklich anzugehören scheint (auch wenn die jüngeren Comics schon lange keine Auflagen wie Mickey Mouse und Asterix mehr erreichen).

Die Kunst der räumlichen Sequenz 

Man kann Comics als sequenzielle Kunst definieren, als Abfolge von einzelnen gezeichneten statischen Bild-Panels. Ein einzelnes Bild – ein Cartoon – macht demnach noch keinen Comic aus! Durch die Verbindung von Text und Bild werden zwei verschiedene Zeichensysteme gleichzeitig wahrgenommen.

Das unterscheidet Comics von klassischen Bildergeschichten, in denen Bilder nur eine illustrierende Funktion haben. Beim Comic bringt der Zwischenraum der Bildfelder die Leser dazu, in Einzelbildern eine Sequenz zu sehen und daraus eine Geschichte zu machen.

Einfach konsumierbares Massenmedium? Die Ausstellung zeigt, dass Comics etwas komplexer sind

Die visuelle Gemeinsamkeit mit dem Film-Streifen ist kein Zufall. Der Erfolg des Comics setzt etwa zeitgleich mit dem des bewegten Bildes ein. Während ein Comic eine statische Bild-Folge ist, die sich räumlich über eine Seite hinweg entwickelt, ist der Film eine dynamische Bild-Folge, die zeitlich abläuft.

Architektur im Film ist populärer

Während jedoch „Architektur und Film“ ein beliebtes Thema ist, liest man „Architektur und Comic“ selten. Warum eigentlich? Ist die zeitliche Wahrnehmung einfacher als die räumliche? Ansonsten funktioniert die Darstellungstechniken nämlich ähnlich.

Für Architekten eröffnet das Genre des Comics jedenfalls besondere Möglichkeiten zum räumlichen Erzählen in Bildern. Und: Man erreicht damit ein neues Publikum! Also kommt doch vorbei, die Schau hängt noch bis Ende Februar.

 

 

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