Fotos: Heike Schwitalla (2), KIT/Amadeus Bramsiepe (2)
Netflix für Zeitungen: Die Journalismus-App Articlett Karlsruher Start-up bringt verschiedene Medienanbieter in einem Abo zusammen
28. April 2021 TEXT: 0

Nachrichten auf dem Handy zu lesen gehört für viele Menschen zum Alltag. Aber wenn sich ein interessanter Artikel hinter einer Paywall verbirgt, hält das oft vom Lesen ab – auch wenn die meisten gerne für einen guten Artikel bezahlen würden. Doch die Flut an Abos, Apps und Verträgen, die das bisher mit sich bringt, ist zu groß.

Verschiedene Zeitungen in einem Abo

Ein junges Karlsruher Start-up will hier Abhilfe schaffen. Die KIT-Studierenden Nadezhda Prodanova, Raphael Fritz und Jonas Lerch haben gemeinsam die App Articlett entwickelt, die in nur einem bezahlten Zugang kostenpflichtige Artikel verschiedener Zeitungen und Medienplattformen bereitstellt. In erster Linie machen sie damit jungen Menschen ein Angebot, die mit Streaming-Angeboten groß geworden sind und es nicht zeitgemäß finden, sich per Bezahlabo auf nur ein Medium zu beschränken.

Die Articlett-Gründer Raphael Fritz, Nadezhda Prodanova und Jonas Lerch (v.l.)

„Für mich gab es nie das eine Medium, von dem ich unbedingt ein Abo wollte. Dabei hätte ich gerne für Texte bezahlt, nur festlegen wollte ich mich nicht. Die Situation war unbefriedigend, deshalb habe ich überlegt, wie sich das zum Vorteil von Verlagen und Leser besser gestalten lässt“, beschreibt der 29-jährige Jonas Lerch die Idee, aus der sich Articlett entwickelt hat.

Er glaubt, dass vor allem jüngere Menschen Nachrichten oft gar nicht lesen, weil es für sie keinen geeigneten Weg gibt, an die Artikel zu kommen. Da das auch schlecht für die Anbieter ist, haben die Karlsruher Studis ein Abo entwickelt, das von Mobilfunkverträgen inspiriert ist: „Die Leserinnen haben ein Wörterkontingent, das sie für alle Bezahlinhalte unserer Partner einsetzen können. Wer mehr lesen will, wählt einfach einen größeren Tarif“, so Medienwissenschaftler Jonas.

Medien-Inhalte ohne Filterblasen

Seit einem Jahr arbeiten die drei Gründer an dem Projekt, jetzt ist Articlett in den App-Stores erhältlich. „Meine Mitgründer Nadezhda und Raphael haben Informatik am KIT studiert, ich bin Medienwissenschaftler. Zusammen forschen wir am KIT auch daran, wie sich Meinungsfilterblasen verhindern lassen“, erklärt Jonas Lerch den Background der Jungunternehmer, die seit Mai 2020 im CyberLab des Landes Baden-Württemberg in der Karlsruher Hoepfner Burg angesiedelt sind. Die meisten Plattformen nutzen Algorithmen, die lernen, was dem Leser gefällt – und geben ihm automatisch immer mehr davon. Das ist praktisch, wenn man nur lesen mag, was die eigene Meinung bestärkt, verengt aber den Horizont. Articlett macht das nicht, hier suchen sich die Leser ihre Inhalte selbst aus und das Dashboard bleibt filterblasenfrei.

Geschäftsführer des Karlsruher Journalismus-Startups: Medienwissenschaftler Jonas Lerch

Seit die App auf dem Markt ist, wurde sie schon ein paar Hundert Mal heruntergeladen, meist aus dem Karlsruher Umfeld der Studierenden. Auch in Zukunft soll das Angebot hauptsächlich junge Menschen ansprechen: „Unser Wörterabo wird sich auf absehbare Zeit – auch nach Einführung der kostenpflichtigen Tarife – nur an Studierende richten. Langfristig überlegen wir aber, wie wir das Angebot allen zugänglich machen können.“ Auch Nicht-Studierende können die App derzeit kostenlos herunterladen und ohne Anmeldung mit allen frei verfügbaren Artikeln nutzen.

Verlage erreichen junge Zielgruppe

Für Verlage ist die Karlsruher Journalismus-App ein spannendes Angebot: Sie haben die Chance, ihre Inhalte an User zu verkaufen, die sich grundsätzlich dafür interessieren, aber wegen eines Artikels nie ein Abo abschließen würden. Mit Articlett können die Bezahlinhalte aller teilnehmenden Partner gelesen werden. „Wenn ich einen Artikel mit 500 Wörtern öffne, werden die von meinem Kontingent abgezogen, ich kann den Artikel aber beliebig oft lesen“, beschreibt Jonas das Prinzip der App. 

Die Medien-App bietet Inhalte verschiedener Verlage in ihrem Abo

Kostenlose Inhalte für Articlett stellen derzeit taz, Tagesschau, jetzt.de und Science Notes bereit. Als Premium-Inhalt gibt es auch die Mittelbayerische Zeitung, das Missy Magazin oder Perspective Daily zu lesen. „Wir verhandeln mit weiteren Partnern. Die Zeitungen sehen in Articlett eine Möglichkeit, an die begehrte Zielgruppe der Studierenden heranzukommen“, weiß Jonas. „Momentan möchten wir bei Usern und Verlagen bekannter werden, Ende des Jahres führen wir Bezahltarife ein. Dann funktioniert die Zusammenarbeit als Revenue-Share Modell, bei dem wir einen Teil der Abogebühren behalten und den Rest entsprechend der gelesenen Wörter an die Verlage ausschütten.“

Langfristig soll über Articlett eine möglichst große Bandbreite an regionalen und internationalen Medien angeboten werden. Ein Fokus liegt aber auch auf kleinen, innovativen Angeboten, die Journalismus neu denken.

0 Kommentare zu Netflix für Zeitungen: Die Journalismus-App Articlett

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.