Fotos: discovering hands (1), Heike Schwitalla (3)
Blinde Frauen ertasten Brustkrebs früher! Als medizinisch-taktile Untersucherin kann die Karlsruherin Joëlle Toussaint Leben retten

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen – jedes Jahr wird er etwa 69.000 Mal diagnostiziert, dazu kommen rund 6.000 Vorstufen oder Frühformen. Glücklicherweise gibt es viele Möglichkeiten zur Brustkrebs-Früherkennung, etwa regelmäßiges Abtasten der Brüste, Mammografie oder Ultraschalluntersuchung.

Ausgeprägter Tastsinn hilft bei Vorsorge

Eine besondere Form des Abtastens bietet seit 2016 das Unternehmen discovering hands an – bundesweit und auch in Karlsruhe: Frauen mit Sehbehinderung werden in neun Monaten Training zur medizinisch-taktilen Untersucherin (MTU) ausgebildet. Ihr besonders ausgeprägter Tastsinn hilft dabei, Vorsorge-Patientinnen auf Brustkrebs zu untersuchen und die Krankheit früh zu entdecken, sodass die Chancen auf Heilung größer sind!

Joëlle war Lehrerin und arbeitet heute als taktile Untersucherin für Brustkrebs-Früherkennung

Auch Joëlle Toussaint aus Karlsruhe hat diese Ausbildung gemacht und bietet ihre Dienste einmal pro Woche in der Frauenarztpraxis von Dr. Elke Grote in der Waldstadt an. Entsprechend lange müssen ihre Patientinnen auf einen Termin warten. „Bis Ende April bin ich ausgebucht“, sagt sie. Die Karlsruherin ist von Geburt an nahezu blind, hat mittlerweile eine Sehkraft von weniger als einem Prozent.

Sie spürt kleinste Gewebeveränderungen auf

„Eine Untersuchung bei mir dauert ungefähr 45 Minuten“, sagt Joëlle. „Ich nehme mir viel Zeit und gehe dabei sehr systematisch vor.“ Mithilfe von markierenden Klebestreifen teilt sie die Brust in vier Bereiche ein und untersucht Zone für Zone in drei Gewebeschichten. So kann sie mit ihrem jahrzehntelang geschulten Tastsinn schon kleinste Gewebeveränderungen erspüren – oftmals viel früher als die behandelnden Ärztinnen.

Sie teilt die Brust in vier Zonen ein und tastet das Gewebe in drei Schichten ab

Vermutlich hat die gebürtige Elsässerin damit schon einige Leben gerettet, denn ihre Profession, die Taktilografie, kann wissenschaftlich belegte Erfolge vorweisen: MTUs ertasten rund 30 Prozent mehr Gewebeveränderungen als Ärzte. Allerdings stellen sie selbst keine Diagnosen. Aber der Arzt, mit dem sie zusammenarbeiten, kann durch ihren detaillierten Tastbefund das weitere Vorgehen bestimmen.

Kurse in Brustkrebs-Früherkennung

Früherkennung ist bei der Heilung von Brustkrebs einer der wichtigsten Faktoren. Joëlle und andere MTUs geben ihr Wissen und Können deshalb weiter. In Kursen bilden sie Frauen (und vereinzelt auch Männer) für die taktile Selbstuntersuchung der Brust aus. Ihre jahrelange Erfahrung hilft den Patientinnen, ihre Brust systematisch abzutasten und auf Veränderungen zu achten.

Weil sie nicht gut sieht, ist Joëlles Tastsinn umso besser ausgeprägt und sie erkennt Knötchen früher als andere!

Ihre Tätigkeit hat Joëlle Toussaint 2007 begonnen, als ihr ursprünglicher Beruf als Lehrerin für Deutsch und Religion sie nicht mehr ausfüllte. Sie suchte damals nach einer neuen Tätigkeit, in der sie etwas Sinnvolles tun und Menschen helfen kann. „Also habe ich die MTU-Ausbildung gemacht und lange Zeit in ganz Baden gearbeitet, von Maulbronn über Karlsruhe bis Freiburg. Heute bin ich aber eigentlich schon im Ruhestand und arbeite weniger“, erzählt die 61-Jährige.

Joëlle findet ihre Blindheit nicht schlimm 

Reisen und Pendeln ist für Menschen mit Sehbehinderung anstrengend. „Man ist ständig hoch konzentriert und andauernd am Zählen – das wollte ich mir in meinem Alter nicht mehr antun.“ Dennoch sagt die Wahlkarlsruherin, die in den 1980ern der Liebe wegen in die Fächerstadt zog, dass sie sich ihre Sehbehinderung nicht anders aussuchen würde.
„Es erstaunt die Menschen immer, aber ich finde sie nicht schlimm und komme im Leben gut zurecht. Außerdem freut es mich, wenn ich mit meiner Gabe als MTU Frauen bei einem wirklich wichtigen Thema helfen kann.“

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