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Depression: Diese Hilfsangebote gibt es in Karlsruhe Die Corona-Krise setzt Menschen mit seelischen Problemen schwer zu / Hotlines, Chats und Beratungen können helfen
2. April 2021 TEXT: 0

Die Karlsruher Initiative gegen Depression ist ein Zusammenschluss aus Organisationen und Fachleuten, die sich um seelisch erkrankte Menschen in der Fächerstadt kümmern. Anlässlich des Fachtags Depression sprechen die Vertreter aus Karlsruhe über die Auswirkungen der Pandemie auf Menschen mit Depressionen. 

Menschen mit Depression wenden sich an die Telefonseelsorge Karlsruhe

„Wir erleben, dass die Gespräche an unserer Hotline zunehmen“, sagt Bettina Grimberg von der Telefonseelsorge Karlsruhe. Mit über 80 Ehrenamtlichen besetzt sie ihr Sorgentelefon zum Teil doppelt, dennoch kommen Anrufende manchmal nicht durch. „Ein Viertel unserer Gespräche drehen sich um Einsamkeit, dieses Thema hat unheimlich zugenommen. Ängste und leider auch Selbstmord kommen ebenfalls häufig zur Sprache – 17 Prozent häufiger vor als im Vorjahr!“ 

An der Hotline der Telefonseelsorge kommen Anrufer bisweilen nicht durch

Am Telefon suchen die Menschen emotionale Unterstützung für Probleme, die sie ohnehin schon haben und die in Zeiten der Isolation schlimmer wahrgenommen werden, so Bettina Grimberg. Sie empfiehlt die App „Krisenkompass“, einen Notfallkoffer mit Materialien, die in Krisensituationen helfen.

Lockdown ohne Ende: Verzweiflung nimmt zu

Martin Kühlmann von der Brücke hat das Problem, dass seine „Einrichtung der offenen Tür“ durch die Pandemie auf einen Erstkontakt per Telefon zurückgreifen muss. Danach ist es aber möglich, in großen Räumen unter einem Luftfilter auch face to face zu sprechen. „Angesichts eines Lockdowns ohne greifbares Ende nimmt die Verzweiflung zu“, beobachtet er in seiner täglichen Arbeit. Einsamkeit ist in seiner Beratungsstelle ein gängiges Thema, durch Corona hat auch der Gesprächsbedarf über Partnerschaft, Erziehung oder der Probleme am Arbeitsplatz zugenommen. Martin Kühlmann weiß, dass Betroffene zwischen 20 und 30 Jahre jetzt häufiger Hilfe suchen, allerdings hat diese Gruppe auch am ehesten Zugang zu Online-Angeboten.

Jede Altersgruppe kämpft mit spezifischen Problemen, Leute zwischen 20 und 30 holen sich besonders oft Hilfe

Jede Altersgruppe hat angesichts der Corona-Krise mit spezifischen Themen zu kämpfen, erklärt Prof. Dr. Michael Berner von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin des Städtischen Klinikums: „Bei älteren Menschen ist das Vereinsamen ein kritischer Punkt, aber vielfach haben jetzt auch die Jüngeren Probleme, weil die Schulen zu sind. Am Härtesten hat es sicher die Kinder getroffen, denen jetzt der Umgang mit ihrer Peergroup fehlt – die wissen gar nicht mehr, wohin.“

Hilfsangebote auch via Instagram und Facebook erreichbar

Die Hilfsangebote von Pro Familia Karlsruhe – auch via Instagram und Facebook erreichbar – werden aktuell vermehrt von 30- bis 40-Jährigen in Anspruch genommen. „Es finden viel mehr Paarberatungen statt als früher. Auch die Zahl alleinerziehender Mütter hat zugenommen, die in der letzten Zeit verlassen wurden und nun Hilfe suchen. Und die Betroffenen im Bereich LGBT*IQ haben sich während Corona bei uns verdoppelt“, erklärt Dirk Bißbort von Pro Familia Karlsruhe. Seine Organisation berät in Karlsruhe per Telefon und Video und bei Bedarf vor Ort – stets hält sie auch Notfalltermine für Hilfesuchende vor.

Die Ehe-, Familien- und Paar-Beratung weiß, dass Corona die Entwicklungen in Beziehungen oft verschärft

Barbara Fank-Landkamer von der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle der Stadt blickt in ihrer Arbeit auf Beziehungen. „Meine subjektive Wahrnehmung ist, dass wir seit einem Jahr permanent Stress ausgesetzt sind – es gab kaum eine Atempause. Außerdem polarisiert Corona stark: auf der einen Seite sind diejenigen, die loyal zu den Maßnahmen der Regierung stehen. Und auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die in Richtung Querdenker-Bewegung tendieren. Darüber zerstreiten sich heute auch viele Partner, Corona verschärft bei den Paaren oft Entwicklungen, die vorher schon im Gang waren.“ 

Mehr Nachfragen, Probleme gehen tiefer

Caterina Reichel vom Arbeitskreis Leben nimmt momentan verstärkt eine „Zermürbtheit“ bei vielen Menschen in Lebenskrisen wahr. Ihr Team erhält derzeit mehr Nachfragen als vor der Pandemie – und die Probleme gehen tiefer. „Es ist schwerer, die Menschen wieder auf einen guten Weg zu bekommen“, sagt sie. „Immerhin gibt uns Zoom die Möglichkeit, einen guten Kontakt aus der Ferne zu halten. Zudem ist es schön, dass sich auch in der Corona-Zeit neue Krisenbegleiter bei uns ausbilden lassen! Für uns ist es ein großes Geschenk, dass Menschen für andere da sein wollen.“

Wer in diesen Zeiten allerdings nicht mit technischen Hilfsmitteln ausgestattet oder vertraut ist, hat in Sachen virtuelle Kommunikation das Nachsehen. Karin Heidt vom Stadtseniorenrat Karlsruhe berichtet, dass gerade ältere Menschen sich oftmals abgehängt fühlen. „Auch die Generation Mitte 40 ist gerade vielfach belastet: Sie arbeitet, kümmert sich um das Homeschooling der Kinder, betreut ihre alten Eltern und macht nachts noch Impftermine für sie aus.“

Lockdown sitzt Depressiven schwer in den Knochen

Michael Freyer von der Diakonie Karlsruhe sieht häufig Menschen mit chronisch verlaufenden psychischen Problemen: „Wir sind mit unseren Hilfsangeboten am Start, allerdings kann der Tagestreff nur reduziert stattfinden. Als wir im Lockdown sieben Wochen schließen mussten, hat sich danach gezeigt, wie schwer das den Leuten in den Knochen saß!“, sagt der Bereichsleiter für seelische Gesundheit. 

Die Flut an Corona-Informationen überfordert viele und schürt Ängste bei jenen Menschen, die sowieso nicht sehr stabil sind. „Dann kommt manchmal noch eine materielle Dimension dazu, wenn sie mangels Technik nicht per Video mit anderen Menschen in Kontakt bleiben können oder in Eigenregie keinen Impftermin bekommen. Das führt dazu, dass sich manche Menschen komplett zurückgezogen haben“, sagt Michael Freyer.

Die Flut an Corona-Informationen schürt Ängste, manche ziehen sich komplett zurück

Die lange Dauer der Pandemie stellt also eine große Belastung für die seelische Gesundheit vieler Karlsruherinnen und Karlsruher da, deshalb rücken die VertreterInnen der Hilfsorganisationen auch die Möglichkeiten zur Hilfe und Selbsthilfe in den Fokus.

Wichtig zu wissen: Ihr seid nicht allein!

Marion Schuchardt, die Geschäftsführerin der Karlsruher Initiative gegen Depression und Psych­ia­trie­ko­or­di­na­tion der Stadt, legt Wert auf eine wichtige Feststellung: „Sie sind nicht allein! Es gibt viele, denen es so geht wie Ihnen!“ In Zeiten der seelischen Krise mache es deshalb Sinn, jemanden zu suchen, der die Probleme „mit mir und für mich trägt – das wirkt“, ergänzt Martin Kühlmann von der Brücke.

Barbara Fank-Landkamer von der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle der Stadt weist darauf hin, dass die Betroffenen sich bewusst machen sollten, dass sie nicht schuld sind an der schlechten Stimmung in Familie oder Partnerschaft. „Es ist die Krise, die sich hier niederschlägt.“ Ihre Beratungsstelle bietet Gruppen-Treffen und Vorträge mit Hilfe-Themen auch online an und lädt ein, daran teilzunehmen.

Tipp der Experten: Unter den gebotenen Regeln aktiv werden, Kontakte realisieren, Online-Kurse wahrnehmen!

Generell ist es wichtig, Menschen in der Krise zur Aktivität zu ermuntern – unter Einhaltung der gebotenen Regeln. Sich mit anderen vernetzen, Kontakte realisieren, bei Online-Kursen mitmachen – all das kann helfen, die Krise zu meistern. „Vieles, was es früher in Präsenzform gab, findet jetzt auf YouTube statt, von Yoga bis VHS-Kurs“, weiß Dirk Bißbort von Pro Familia.

Caterina Reichel vom Arbeitskreis Leben versichert, dass der erste Schritt in Richtung Hilfsangebot der Schwerste ist. Danach kommt die „Erfahrung, dass da jemand ist, der reagiert. Ich habe in den letzten Monaten oft am Telefon mit Menschen gesprochen, die gerade spazieren gegangen sind und denen unsere Gespräche gut geholfen haben.“

Viele suchen Hilfe in der psychiatrischen Klinik

Wer einen Platz in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin des Städtischen Klinikums bekommt, kann seine seelischen Probleme dort von einem Teil der 300 Mitarbeitenden behandeln lassen. „Hier isoliert uns das permanente Tragen von Masken momentan noch mehr voneinander“, sagt Klinikleiter Prof. Dr. Michael Berner. Nach einem Jahr Corona sei auch in seinem Haus eine gewisse Abgeschlagenheit zu spüren, denn „die Patienten, die uns ohnehin schon dringend brauchen, nehmend uns jetzt noch dringender in Anspruch.“

Derzeit steht man vor der Herausforderung, dass bisweilen kein Bett mehr für neue Patienten frei ist. Dann muss das medizinische Personal die Patienten auf stationsäquivalente oder ambulante Angebote umverteilen, damit alle angemessen betreut werden können. „Aber wir sind natürlich trotzdem für Sie da. Hilfe ist auch durch unsere Initiative gegen Depression vorhanden. Und die Corona-Situation wird einmal zu Ende gehen, genau wie auch die Spanische Grippe vor hundert Jahren …“

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