Fotos: Bruno Kelzer (2), Nina Setzler (1), Visualisierungen: Falk Schneemann (3)
Wohnen wir bald auf Garagen? Architekt Falk Schneemann ist Experte für innovatives Bauen

Nachverdichtung, Wohnungsnot, Landflucht – diese Schlagwörter hört man in letzter Zeit immer häufiger. Positiv klingen sie nicht. Die Stadt sei vollgebaut, heißt es etwa über Karlsruhe. Es gebe keine Konversionsflächen mehr, kaum noch leere Grundstücke für neuen Wohnraum. Allerdings entsteht angesichts solcher Probleme auch Raum für Kreativität und raffinierte Lösungen: Wer sich darauf einlässt, kann innovative Ideen entwickeln!

Suche nach freien Flächen

So wie Dr. Falk Schneemann: Der Architekt hat sich auf die Suche nach freien Flächen in Karlsruhe gemacht und ist an überraschenden Stellen fündig geworden: Viele Wohnblöcke aus der Nachkriegszeit etwa haben sehr lange Garagenriegel im Hinterhof, die – typisch Garage eben – einstöckig sind. Sie belegen also viel Fläche und bilden nach oben gewissermaßen leeres Volumen aus. Könnte das nicht genutzt werden?

So könnte die Garagenzeile in der Alemannenstraße aussehen – aufgestockt mit kleinen Wohnungen

„Ein erster Testentwurf hat ergeben, dass sich auf einem Quadratkilometer Stadtfläche im Karlsruher Südwesten rund 1.000 laufende Meter Garagen mit Aufstockungspotenzial finden“, erzählt Falk, der in Stuttgart und Delft Architektur studiert und am KIT über deutsche Hochhausbauten der Nachkriegszeit promoviert hat. „Auf diesen Garagen könnte man theoretisch 85 kleinere Wohneinheiten für Singles, Paare und Alleinerziehende bauen.“

Potenzial durch „Nachverdichtung light“

Neben seinem Entwurf für die Alemannenstraße, der den ersten Preis beim Ideenwettbewerb Hier wohnen wir! gewann, hat Falk auch ein Experiment für ein bestehendes Lagerhäuschen nahe der S-Bahn-Haltestelle Wolfartsweierer Straße gezeichnet: Darauf wird ein minimales Heim für zwei Personen gesetzt.

Das kleine Lagerhaus beim Oststadt-Kreisel bekommt in Falks Entwurf eine Mini-Wohnung aufgesetzt

Das wäre gewissermaßen „Nachverdichtung light“, denn die Flächen sind schon bebaut, Grünraum muss nicht weichen und das Straßenprofil ist oft so breit, dass trotz der Aufstockung der Garagen keine Probleme hinsichtlich Belichtung oder Privatsphäre entstünden. Ein enormes Potenzial mitten in der Stadt!

Der Entwurf für das Sockel-Häuschen wurde nicht umgesetzt – es hat bisher keinen ersten Stock

So sieht das auch die städtische VOLKSWOHNUNG GmbH und hat gemeinsam mit Falk Schneemann ein Pilotprojekt gestartet: 2021 sollen an der Heilbronner Straße in Rintheim Garagenhöfe mit zwölf Ein- und Zwei-Zimmerwohnungen in Holzbauweise aufgestockt werden. So entstehen kompakte, meist öffentlich geförderte Mietwohnungen, insbesondere für Studierende und Alleinerziehende.

Weil sie aus Holz gebaut sind, wiegen die Aufstockungen relativ leicht und die bestehenden Garagen müssen, wenn überhaupt, nur leicht ertüchtigt werden, um sie zu tragen. Vorgefertigte Teile ermöglichen zudem eine kürzere Bauzeit. Das Vorhaben wird mit rund 700.000 Euro vom Land gefördert, da es als Beispiel für andere Projekte dienen soll.

Diese Garagen-Aufbauten in Rintheim will im nächsten Jahr die Volkswohnung realisieren

Mit dem Geld wird untersucht, inwieweit die Aufstockung mit recycelbaren Baumaterialien ausgeführt werden kann, zudem wird die Versetzbarkeit der Bauten geprüft. Sie könnten dann an einem anderen Standort weiterverwendet werden, falls größere Bau- und Nachverdichtungsmaßnahmen anstehen.

Wenig Chancen auf Realisierung?

Falk Schneemann, der etliche Jahre in den renommierten Architekturbüros Herzog & de Meuron sowie Foster + Partners angestellt war und auch als Dozent an der Architekturfakultät des KIT arbeitet, hat seinem Konzept zunächst nur wenig Chancen auf eine Realisierung gegeben. Zur Umsetzung braucht es neben mutigen Bauherren auch gewillte Eigentümer, genug Geld und eine geeignete Location. Falks Ideen für die Alemannenstraße sowie das Mini-Haus wurden bisher nicht umgesetzt.

Visionär: Falk Schneemann möchte den knappen Platz in der Stadt durch innovatives Bauen erweitern

„Um so mehr freue ich mich, dass das Konzept für die Garagen-Aufstockung nun in der Heilbronner Straße realisiert wird“, so der Architekt. „Mit meinem Team arbeite ich an den Planungen dafür. Vielleicht gelingt es uns, damit noch mehr Aufmerksamkeit für innovatives Bauen zu schaffen!“

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